Irgendwann ist irgendwann zu spät oder Einfach machen

Irgendwann ist irgendwann zu spät oder Einfach machen

Schon eine ganze Weile schiebe ich einen Traum vor mir her – den Traum vom Laufen mit Hund. Canicross. Immer immer wieder habe ich begonnnen, schon vor vielen Jahren an einem Zughunde-Workshop teilgenommen (wer hierzu wundervolle Fotos sehen will, kann das gerne hier), Kurse gemacht, trainiert. Gekeucht, geschnauft. Immer wieder kam etwas dazwischen: Knie-OP, Buddys Reaktion aufs Laufen, zu wenig Zeit und vor allem – die eigene Kopfblockade. Laufen? Ich? Ich bin doch unsportlich! Zahllose Trainingseinheiten auf dem Crosstrainer wurden dabei einfach wegvergessen. Die Windhundveranlagung meiner Rennrakete tat ihr Übriges, mich einzuschüchtern. Spannte ich die Wüstenprinzessin ins Geschirr, war ich ihr zu langsam, ein Felsbrocken, der sie ausbremste und langweilte.

Fotocredit: Carola Thiede

Die Zughundeevents besuchte und verfolgte ich trotzdem. Erzählten mir Kollegen von Touren am Husky-Schlitten, dachte ich „das können wir doch auch“. Jede Veranstaltung auf Facebook markierte ich mit „interessiert“, träumte vom „wenn wir erst so und so viele Kilometer gewandert sind, dann…“ Irgendwann eben.

Anfang des Jahres sah ich eine Ankündigung zum Camp Canis. Ein Team-Traillauf durch Matsch mit Hund. Klingt nach Abenteuer. 5 km bis September? Das sollte doch machbar sein, selbst für einen Stein wie mich. Ich überlegte hin und her. Sollte ich mich anmelden? Mit einem Ziel vor Augen sei es doch sicherlich einfacher? Schnell ließ ich mich entmutigen: Wer weiß, ob dein Knie das mitmacht? Ist Amber fit genug? Wirst du Zeit haben fürs Training? Was, wenn du dein Ziel aus den Augen verlierst?

Schnell lehnten wir uns zurück in die Bequemlichkeit, gewohnte Strecken, immer innerhalb der eigenen Ausdauer. Reduzierten die Geschwindigkeit der Träume, wanderten uns auf der 12 km-Marke ein. Zwar in Geschirr und Gurt, aber dennoch nicht raus aus dem Komfort. Trauten uns nicht. Trauten es uns nicht zu. Ich bin doch unsportlich! Irgendwann, vielleicht im Urlaub.

Dann kam der Aufruf: Rosa und Zissi vom Blog Rosa – Raus aus dem Tierheim, rein ins Leben, suchten ein Team von „Ich wollte schon immer mal“s für den 10km-Lauf im September. Mein Event! Hach! Sofort trudelten die ersten Bewerbungen ein und mein Mut sank. Das Irgendwann verdrängte die Traumwolke.

Am nächsten Tag stolperte ich über den gleichen Post auf ihrer privaten Timeline. Kommentierte. „Wie gut, dass sich schon so viele andere bewerben, dann kann ich mich weiter zurücklehnen und euch zuschauen.“ Die Antwort kam prompt: „Herzlichen Glückwunsch, du bist im Team.“ Schluck! Mit einem lauten Knall zerplatzte das Irgendwann. Juhu, das machen wir! Das können wir schaffen. Oder?

Einen Tag überlegte ich. Dachte, es sei ein Scherz. Vielleicht meinte sie es nicht ernst? Sie meinte. Schrieb mich an, ob ich mitlaufen will. Ließ keine Zeit für Überlegungen. Ausreden. Unsportliche Kopfblockaden und Rudel von Schweinehunden. Genau, was ich brauchte.

Ich sagte zu. Ging direkt für eine große Runde in den Wald. Amber tobte wie wild. Raste durch den Matsch. Die Sorgen, den könnte sie doof finden, waren damit sofort weg gefegt.

Ein Trainingsplan wurde erstellt. Ins Bullet Journal eingetragen. Trail-Running-Schuhe gekauft. Ein neues Geschirr für die hübsche Freundin. Zufällig lief uns beim Anprobieren noch ein Halsband in den Weg. Matschfee. Geht es passender? Natürlich nicht.

Nun laufen wir fleißig. Immer auf der Suche nach erträglichen Temperaturen und nicht zu hoher Luftfeuchtigkeit. Zu unsäglichen Uhrzeiten. Fluchen uns gemeinsam Anstiege nach oben. Ein Stein bin ich natürlich noch immer. Dennoch – ein kleiner Tritt und ich bin ins Rollen gekommen.

Was ich mir wünsche?

Zuerst einmal freue ich mich darauf, Zissi und Rosa endlich kennenzulernen im echten Leben. Das Team möchte ich natürlich auch nicht enttäuschen. Vor allem aber wünsche ich mir einen weiteren Meilenstein für Amber und mich. In unserer Entwicklung. Schwer genug haben wir es gehabt die letzten Jahre, oft genug haben wir uns toleriert und nicht mehr. Dennoch hat sie mir verziehen, immer und immer wieder. Hat sich zum Quatsch überreden lassen, kommt aus sich heraus und apportiert sogar das ein oder andere Mal einen Dummy. Extra für mich.

Nun möchte ich ihr etwas zurück geben. Zeit nur für sie. Einen Schub fürs Selbstbewusstsein. Ihr endlich zeigen, dass mehr aus uns geworden ist als nur gegenseitiges Tolerieren. Dass ich froh bin, mich bewusst für sie entschieden zu haben, dass ich sie annehme, so wie sie ist und dass ich mich freue auf eine noch möglichst lange gemeinsame Zeit.

Zu guter Letzt ist der 2. September aus persönlichen Gründen ein besonderer Tag für mich – ein weiterer Grund, den Lauf hoffentlich erfolgreich abschließen zu können.

Die beiden Anstifter werden wir sicherlich noch häufig verfluchen, wenn wir uns Kilometer für Kilometer voran quälen und die Motivation im Keller ist. Dennoch bin ich schon jetzt unglaublich dankbar für den entscheidenden Kick im richtigen Moment! Beweist es doch einmal mehr, wie sehr es einen beflügeln kann, wenn jemand an dich glaubt. Weiß, dass es möglich ist. Dich anschiebt bis du es selbst verstanden hast. Und einfach keine andere Option zulässt.

Interessanterweise unterstützt das Laufen noch etwas ganz anderes, nach dem ich in letzter Zeit verzweifelt gesucht und gegraben habe: Durchatmen, Freiheit, Leichtigkeit. Und das, obwohl unser Vorwärts noch lange keinem leicht und frei ähnelt. Komme ich jedoch nach Schleicherei, Quälerei, Flucherei wieder am Auto an, nehme ich ausser zweier matschiger, zufriedener Rabauken noch etwas anderes mit nach Hause: Energie, gute Laune und ein kleines bisschen Stolz über eine weitere geschaffte Trainingseinheit, eine weitere Überwindung, ein weiteres kleines bisschen Wachsen.

Leichter bin ich gleichzeitig aber auch. Die Sorgen und Gedanken, die ich zu Beginn noch in der Tasche hatte, haben wir einfach raus gelaufen. Abgeschüttelt. Ausgesetzt. Sucht euch ein anderes Zuhause – wir kommen gut ohne euch klar!

Lasst es euch gut gehen,

Sie

2 Gedanken zu „Irgendwann ist irgendwann zu spät oder Einfach machen

  1. So schön geschrieben, jeden Tag ein bisschen mehr…..
    ..Zutrauen, Zuversicht, Elan, Schwung, Spaß, Spaß und noch mal Spaß.
    Gefällt mir 🙂

  2. Huhu, ja sehr geil, so ähnlich ging es mir und ich bin Samstag im Team. Chaka! Wir packen das! Voll toll, dass du das auch machst. Bis bald, liebe Grüße Lelia

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