Wüstenspuren oder it’s in your blood

Wüstenspuren oder it’s in your blood

Das Herbstlaub raschelt unter unseren Füßen. Rotgelb leuchtet der Wald, die Sonne schiebt sich hier und da durch die Bäume und zaubert ein irreales Licht. Die dicht bevölkerten Nordic-Walking-Wege und Jogger haben wir hinter uns gelassen, wir sind allein auf diesem Weg im Wald, versunken in unsere Gespräche über Vergangenheit, Träume und Lebensplanung. Voll und ganz im Moment, im Hier und Jetzt. Hügelig ist es, anstrengend, ein wenig herausfordernder als das, was wir uns für einen gemütlichen Sonntagmorgenspaziergang ausgemalt hatten. Dennoch, es ist einfach zu schön, um jetzt umzukehren, um dieses Wetter nicht zu geniessen.

Buddy läuft frei, nimmt hier und da einen Stock auf, lässt ihn wieder fallen, schiebt die Nase unter die Blätter und saugt den Duft der feuchten Erde ein. Er genießt es, in seinem Tempo zu erkunden. Seine Augen leuchten vor Entdeckerlust. Amber trabt im Zuggeschirr vor mir, aufmerksam, mit wackelnden Ohren.

Zu meiner Linken erscheint ein Stapel Baumstämme. Eine gute Gelegenheit, sie etwas klettern zu lassen. Ich stoppe, löse den Karabiner der Jöringleine aus dem Zuggeschirr und gehe einen Schritt auf den Holzstapel zu. Buddy, schon ein paar Meter weiter getrottet, macht einen Satz nach vorne. Ein anderer Hund? Ich bin verwirrt. Amber auch. Weit und breit ist nichts zu sehen. Da – auf einmal springt von rechts ein Reh über den Weg. „Nein!“ höre ich mich selbst sagen – „und ich mach sie auch noch los“. Zu mehr komme ich nicht. Alles geht plötzlich ganz schnell. Ambers Saluki-Vorfahren geben alles und ich kann nur noch zusehen, wie sie in Höchstgeschwindigkeit den Berg nach oben rast. Nach und nach springen immer mehr Rehe ein, eine ganze Herde. Ich schreie ihren Namen, brülle „Amber, hier!“ Nichts. Natürlich. Sie ist voll in ihrem Element, getrieben vom Instinkt, hat schon fast den Kamm des vor uns liegenden Berges erreicht. Ich kenne mich nicht aus in der fremden Umgebung meiner alten Heimat, habe keine Ahnung, was dort hinten kommt. Aus tiefstem Herzen und mit größter Hoffnung brülle ich das Notfall-Kommando. Buddy stoppt. Dreht sich um. Kommt fröhlich auf mich zu gerannt. Mein Herz springt vor Glück. Ich bin unglaublich stolz auf ihn.

Von Amber kann ich nur noch eine Silhoutte inmitten einer Herde Rehe erkennen. Kurz schießen mir die Tränen in die Augen. Wie konnte das passieren? Sie war die ganze Zeit angeleint. Der blöde Holzstapel. Aber für Vorwürfe bleibt keine Zeit. Ich habe Angst um meinen Hund, Angst um die Rehe, Angst davor, was mich auf der anderen Seite des Kamms erwarten könnte. Ich treibe Buddy nach oben.

Dort angekommen, erschrecke ich noch mehr. Auf der anderen Seite wartet ein Bauernhof auf uns. Schafe, Ziegen, Elektrozäune. Nicht weit weg eine Straße. Panik steigt in mir auf. Bilder schießen durch meinen Kopf. Eines der Rehe im Elektrozaun. Amber verhakt in einem Gitter. Amber jagend auf der Schafweide. Wie konnte das nur passieren? Ich zwinge mich zur Ruhe, weiß, ich darf die Sorge nicht in meine Stimme übertragen. Buddy an meiner Seite gibt mir Kraft. Ich hole tief Luft, versuche es noch einmal: „Amber, H-I-E-R!“. Es dauert. Einen kleinen, kurzen Moment. Kein Geräusch. Ich halte den Atem an. Bereite mich darauf vor, die Verantwortung zu übernehmen für all das, was passiert sein könnte.

Dann kommt mein Windhundmädchen den Waldweg hinauf gelaufen. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Hechelt. Ist fix und fertig. Ich bin erleichtert. Die Sorge um die Rehe noch nicht verschwunden, untersuche ich sie auf Spuren. Nichts. Puh. Ich leine sie an. Kehre zurück zu meiner Mama, die am Waldweg auf uns wartet.

Wir schweigen einen Moment. Beide denken wir an unseren allerersten Hund. Aufgenommen hatten wir ihn als Schäferhund-Bobtail-Mix. Er wurde riesig. Groß und dünn. Verschwand bei jeder Gelegenheit, sprang über Mauer und Zaun, rannte, was das Zeug hielt. Ich fragte mich, ob es damals schon Deerhounds in Deutschland gab.

Wohl fühle ich mich noch immer nicht. Das hätte nicht passieren dürfen, auch wenn eine Verkettung sehr unglücklicher Umstände zu diesem Ausflug führte. Ambers Saluki-Wurzeln sind mir bekannt, der edle arabische Windhund unverkennbar in ihrem Charakter verankert. Ich selbst habe sie aus Katar mit hierher nach Deutschland gebracht.

Die Jagdeigenschaften der orientalischen Windhunde in ihren Heimatländern waren Gewandtheit, Reaktionsschnelligkeit, Selbstständigkeit und Ausdauer.

[aus Ingeborg und Eckhard Schritt: „Windhunde“]

Nein, nicht Amber, sondern ein echter katarischer Saluki einer Freundin vor Ort

Dennoch – in den letzten sechs Jahren hatte es einen solchen Moment noch nicht gegeben. Amber ist häufig angeleint, aber nicht immer. In Begegnungen mit anderen Tieren reagiert sie aufgeregt, bleibt jedoch ansprechbar, auch wenn die Aufregung deutlich spür- und manchmal auch hörbar ist.

In letzter Zeit zeichnete sich bei unseren Spaziergängen jedoch eine Veränderung ab: Buddy wird langsamer, tobt nicht mehr ausdauernd mit ihr über die Wiese. Schon ein paar Mal ist mir aufgefallen, dass dann die Umgebung spannender wird, der Blick etwas starrer in die Ferne gerichtet, sie beginnt, sich suchend umzuschauen. Auch wenn ich das unterbinde, versuche, ihre Aufmerksamkeit bei uns zu halten, zeigt es doch ihre Tendenz.

Und noch etwas ist anders: Durch unser Zughundetraining ist sie selbstbewusster geworden. Eigentlich schön, toll zu sehen, wie sich aus dem übervorsichtigen Ding ein selbstbewusster Hund entwickelt hat. Allerdings gelten Salukis von Vornherein als sehr unabhängig, selbstständig,  distanziert und nicht übermäßig gehorsam. Zutreffend, auf jeden Fall. Nicht umsonst haben wir uns lange aneinander aufgerieben. Auch wenn bei ihr natürlich noch andere Tendenzen mitgemischt haben.

Was dann nun alles heißt? Ich bin mir noch nicht sicher. Froh bin ich darüber, dass alles noch einmal gut ausgegangen ist. Dass ich nicht sauer auf sie war, sondern nur erleichtert, dass ihr nichts passiert ist. Stolz darauf, dass sie dennoch wieder zurück zu mir kam, anstelle auch noch den Rest des Waldes und den Bauernhof auf eigene Faust zu erkunden. Erleichtert, dass wir mit dem Zughundesport etwas gefunden haben, dass ihr Spaß macht und sie auch an der Leine auslastet. Ganz besonders glücklich darüber, dass in keinem Moment die früher häufig vorhandenen Abgabegedanken hervorgekrochen sind, sondern heute einfach klar ist, dass ich sie genau so liebe, wie sie ist. Dass wir unseren Weg gemeinsam gehen, auch wenn sie mich immer und immer wieder vor neue Herausforderungen stellt.

Dennoch hat sie wieder etwas geschafft, das sie schon immer konnte, nämlich so ungefähr jegliche verfügbare Emotion zu triggern, zu der mein Körper fähig ist. Der Schock sitzt mir tief in den Knochen. Für einen Moment dachte ich sogar, dass es gut war, dass es mit dem dritten Hund nicht geklappt hat. Wäre sie in einer solchen Situation dabei gewesen, was für einen Mist hätte sie gelernt.

Ein Fan von jagenden Hunden war ich nie. Die Bilder, was hätte passieren können, sind weiterhin präsent und ich knabbere noch immer an dem Vorfall. Heute jedoch habe ich einen Artikel von The Pell Mell-Pack gelesen, der mich noch einmal auf eine Idee gebracht hat: Die Hundepfeife. Im Rahmen des Dummy-Trainings hatte ich Buddy darauf konditioniert, bei Amber habe ich es jedoch nie versucht. Nun möchte ich es jedoch angehen, genau als das, wofür es Stephie auch nutzt: Als Notanker für einen Moment wie gestern. Wenn alle blöden Umstände sich verabreden, zusammen tun und das Wüstenkind in Versuchung führen.

Denn eines muss ich im Hinterkopf behalten: Sie ist, wer sie ist. Auch wenn ich noch so vorsichtig sein werde, auch wenn sie weiterhin größtenteils im Zuggeschirr mit mir laufen wird, eine solche Situation kann es immer wieder geben, auch wenn ich von Herzen hoffe, dass es nicht so sein wird.

Vielleicht wandert auch das ein oder andere Buch zum Thema jagdlich motivierter Hund auf die Wunschliste. Oder ich besuche ein Seminar. Ob sich da wirklich etwas tun lässt, weiß ich nicht. Aber wie so häufig ist es mir wichtig, zu verstehen, was in ihr vorgeht, was in solchen Momenten im Hundekörper passiert, was vielleicht ein Jagdverhalten fördert und wie ich noch besser vorbereitet sein kann.

Wenn ihr also eine Empfehlung oder vielleicht eigene Erfahrungen habt, dann lasst es mich gerne wissen.

Lasst es euch gut gehen.

Sie

4 Gedanken zu „Wüstenspuren oder it’s in your blood

  1. oh, wie gut ich mir vorstellen kann, wie Du Dich gefühlt hast und noch fühlst. Und ehrlich? So ganz werden die Gefühle nie mehr verblassen.
    Mit Smartie hatte ich einmal eine sehr ähnliche Situation und noch immer sind die Gedanken und Gefühle in mir präsent.
    Unbedingt empfehlenswert ist meiner Meinung nach das AJT-Arbeitsbuch von Pia Gröning und Ariane Ullrich (ich habe eine kleine Rezension veröffentlicht: https://smarties.life/antijagdtraining-wie-man-hunde-vom-jagen-abhaelt/

    1. Mittlerweile sind einige Tage vergangen und der Schock sitzt noch immer tief. Vielleicht hast du Recht. Auf jeden Fall vielen Dank für die Empfehlung – Artikel und Buch schaue ich mir auf jeden Fall einmal an!

  2. Wie gerne würde ich Dir einen guten Rat geben können – leider habe ich in dieser Hinsicht bei Cara völlig versagt. Unsere Hunde hatten (fast) alle einen Jagdtrieb und bei allen habe ich es auch mit Training gut in den Griff bekommen … nur bei Cara nicht.
    Sie braucht nicht einmal Wildsichtung um schlagartig in den Jagdmodus zu schalten. Ihr reicht es schon, wenn sie etwas wittert. Da es bei uns hier hunderte von Hasen, Kaninchen und Fasanen gibt, Rehe und Füchse und auch Bisamratten findet Cara auf jedem Spaziergang mindestens eine Spur der sie sofort folgen würde … wenn die Leine nicht wäre. Da hat sie gelernt, dass sie einen „Lohn“ erhält, wenn sie sich nach dem Finden der Spur und dem Aufzeigen der Richtung schnell wieder beruhigt und setzt. Wo bei unseren anderen Hunden dann der Übergang zum Zeigen dieses Verhaltens auch an der Schleppleine oder im Freilauf mit Training gut funktionierte – bei Cara bin ich an diesem Punkt in einer Sackgasse.
    Ich würde mich freuen, wenn Du ab und an mal wieder berichtest, ob Du einen Weg probierst und was Dir vielleicht hilft.

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Cara und Shadow

    1. Zur Zeit stecke ich noch in Schock und Ratlosigkeit, vor allem, da es sich immer mehr zu manifestieren scheint. Versuchen möchte ich es jedoch auf jeden Fall und werde dann entsprechend berichten, sobald ich etwas gefunden habe, von dem ich glaube, dass es zu uns passt. Solange alles Gute für euch!
      Liebe Grüße an euch, Kerstin mit Buddy und Amber

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