„Na, die hat ja mit dem Leben schon abgeschlossen.“ Ich schaue die Ärztin an, die Amber gerade untersucht und denke, das ist ein Scherz.
„Na, hoffentlich nicht“, gebe ich deshalb zurück. Die Ärztin schaut mich an, macht mir klar, dass da ihrer Meinung nach nichts mehr zu machen ist.
Ich verstehe zwar, dass Amber nicht gut aussieht gerade und weiß, dass es ihr auch nicht gut geht, aber hierüber bin ich doch verwirrt. Wir haben 42 Grad Außentemperatur, mein Hund hat Fieber.
Gerade gestern haben wir in der gleichen Klinik erneut die volle Diagnostik gefahren und das Gebäude mit einer Menge neuer Medikamente und der Erkenntnis verlassen, dass es auch hier keinen Anhaltspunkt gibt, was meiner kleinen Hexe fehlen könnte. Glücklich war über ihren Zustand keiner, doch als absolut aussichtslos hatte ich die Tüte voll Medizin und den Kontrolltermin am folgenden Freitag nicht verstanden.
Außerdem ist sie noch vor wenigen Tagen ungelenk am lettischen Strand galoppiert, nachdem wir uns aus solch einem heftigen Zusammenbruch mühsam hoch gearbeitet haben. In Litauen haben wir ihren Zustand und ihr Blutbild noch Anfang dieser Woche gefeiert.

Aber der Reihe nach
Vor einigen Monaten sind wir in unser neues Zuhause gezogen. Kaum hatte ich die letzten Kisten in die Wohnung geschleppt und die erste Weihnachtsdeko aufgehängt, fiel mir auf, dass sich um die Fenster kleine schwarze Schimmelblumen bildeten. Wir bekämpften, lüfteten, reinigten, bis mir im April, kurz vor meinem Geburtstag und meiner offiziellen Einweihungsparty, große Flecken an der Außenmauer auffielen.
Schnell war klar: Hier muss jetzt wirklich etwas gemacht werden. Für mich der ideale Zeitpunkt, den lang ersehnten Traum vom Baltikum anzugehen und dem Vermieter damit Raum zu geben, in Ruhe zu renovieren. Zufrieden mit dieser Lösung machten meine drei Roadtrip-Rabauken und ich uns Ende Mai, ein paar Tage später als ursprünglich geplant, auf den Weg.
Jetzt oder nie
Schon in der Anfrage für meinen Chef vermerkte ich, dass dies für Amber eine „Jetzt oder nie“-Entscheidung sei, meine Recherchen konzentrierten sich nicht auf die Reiseroute, sondern zum Beispiel darauf, was ich mit Ambers Körper tue, sollte sie uns auf der Reise verlassen und ob es möglich ist, einen Kremierungsservice auch vor Ort in Anspruch zu nehmen.
Ich war mir sicher: Bin ich nur gut genug vorbereitet, so kann uns nichts passieren.
Drei Wochen vor der Reise bekam Indy seine Goldimplantate. Als ich von einem Terminausfall bei unserer betreuenden Ärztin hörte, nutze ich die Chance und stellte Amber vor.
Sie erhielt unterstützende Globuli und Spezialfutter und ich war war erleichtert, diese Untersuchung wahrgenommen zu haben.
Wenn immer ich die letzten Verbesserungen an unserem kleinen Camper vornahm, lag Amber vor dem Fahrzeug im Gras, reckte die Nase in die Luft und genoss ihr Sein. Ich wusste, ich tue das Richtige.
Der Traum vom Baltikum
Nach unserer ersten Nacht in der Lausitz ging es ihr so gut wie lange nicht mehr. Wir hatten unglaubliches Glück und standen alleine auf dem Campingplatz, so dass ich meine Räuber einfach laufen lassen konnte.
Und das tat sie! Fröhlich erkundete sie das Gelände, jeden einzelnen Stellplatz und liebevoll dekorierten Bestandteil des Campingplatzes. Ich traute meinen Augen kaum, es war herrlich, sie so zu sehen, gleichzeitig war ich fast ein wenig entsetzt, dass sie so gar keine Lust hatte, mit mir wieder zurückzukehren zum Auto. Das erste Mal in ihrem 14,5 jährigen Leben trug ich sie zurück, weil sie sich nicht bewegen ließ, in meiner Nähe zu bleiben.
Auch am nächsten Stellplatz in Polen hatten wir Glück und standen alleine auf komplett eingezäuntem Gebiet. Ich musste schon ein wenig schmunzeln, als wir auf dem Weg dorthin am „The Amber Business & Spa Hotel“ vorbei fuhren – wenn das kein gutes Zeichen war! Kaum hatte ich das Auto geparkt und die Schiebetür geöffnet, lag Amber bereits in Profi-Camper-Position am Auto und genoß herrliches Wetter und die Umgebung. Ich wusste, ich tue das Richtige.
Reisemädchen
Am nächsten Morgen verließen wir den Stellplatz recht schnell. Bis nach Litauen hatten wir noch einige Kilometer vor uns und ich wollte mir die Erkundungen in Polen wenn überhaupt für meine Rückreise aufheben. Auf der ersten Rast schlief Amber tief und fest. Ich machte ein Foto und sendete es an meine Freundin Zissi. „Das ist so ein Reisemädchen.“ sprach ich ihr voller Liebe für meine Hexenmaus dazu auf.

Auf der weiteren Strecke wirbelten meine Emotionen wild durcheinander. Ich konnte noch immer nicht glauben, dass ich nun nach so vielen Jahren meinen Traum erfüllt haben sollte, dass ich wirklich gleich das Baltikum erreiche. Die Tränen liefen mir vor Freude darüber und gleichzeitig Trauer darüber, dass es nun letztendlich doch so einfach war und ich das nicht längst für meinen Buddy durchgezogen hatte.
Angekommen
Der erste Stellplatz in Litauen war eine Empfehlung meiner Hundephysio-Ausbilderin. Ihre Bilder hatten herrlich ausgesehen. Der Blick auf den Wystiter See schien für mich ein idealer Einstieg in unser Baltikum-Abenteuer.
Glücklich öffnete ich die Schiebetür und holte Amber heraus.
Mit einem Schlag war alles Glück vorbei. Sie konnte nicht mehr stehen, ihre Hinterbeine hielten ihr Körpergewicht nicht mehr. Eine Lähmung.
„Willst du den Hund tot machen?“, begrüßte mich der von den Platzbesitzern auf meine Verzweiflung herbei gerufene Viktor. Er verstand nicht, weshalb ich überhaupt darüber nachdachte, den Platz wieder zu verlassen.
Während ich Stellreflex und Tiefensensibilität testete, rief er dennoch befreundete Tierärzte an, um zu schauen, ob es jemanden in der Nähe gab, der sich Amber einmal anschauen könnte. Letztendlich empfahl er mir, bis zum nächsten Tag zu warten und solange die Aussicht zu genießen.
Als Hundephysio weiß ich, dass ein solches Geschehen ein Notfall ist. Der Anruf bei meiner Tierärztin, die Amber noch im April untersucht hatte, bestätigte dies. Sollte sie überhaupt noch eine Chance haben, wieder laufen zu können, blieb mir nichts anderes, als eine Tierklinik zu suchen.
Der Notfall
Nach mehr als sechs Stunden Fahrt aus Polen und nach einem winzigen Ausflug zum See mit Ben und Indy packte ich meinen Caddy wieder zusammen, um mich auf den Weg nach Kaunas zu machen. Die ganze Strecke über telefonierte ich mit einer Freundin, hatte Sorge vor Sprachbarrieren, kulturellen Unterschieden und malte mir die schlimmsten Worst-Case-Szenarien aus. Ich hatte Angst, einen riesigen Fehler gemacht zu haben.
In der Klinik angekommen wurde Amber untersucht. Englisch war glücklicherweise überhaupt kein Problem und trotz der Notfallsituation mitten in der Nacht nahm sich der Arzt ausreichend Zeit und untersuchte Amber komplett. Sie erhielt eine Infusion und mir wurde empfohlen, sie am nächsten Tag in der anderen Klinik bei einem Spezialisten für ein MRT vorzustellen. Wir schliefen auf dem Parkplatz der Klinik.
Am nächsten Morgen lief ich mit den Jungs eine kleine Runde, bevor wir uns auf den Weg machten. Wir hatten noch ein wenig Wartezeit zu überbrücken und ich überlegte, wie ich mir unseren letzten Tag wünschen würde, wenn ich nun noch die Möglichkeit hätte, ihn zu gestalten. Ich hielt an einer Tankstelle, holte mir einen Karamellkaffee und einen Donut, ließ mir von Zissi einen herrlichen Stellplatz am Wasser suchen und fuhr mit Amber und den Jungs dorthin.
Die Klinik war zuversichtlich. Nachdem Amber den Willen zeigte, selbständig zu stehen und zu gehen, Kot und Urin absetzte und im Vergleich zur vorangegangenen Nacht Besserung zeigte, entschlossen wir uns gegen ein MRT und für weitere Infusionen. Martina von Doggy Fitness bot mir virtuellen Beistand an und zeigte mir verschiedene Tape-Anlagen, mit denen ich Amber unterstützen konnte.

She’s a fighter
Über vier Tage kämpfte sich meine Wüstenprinzessin zurück auf die Füße, bestand auf ihre Routine, holte sich Snacks und genoß die entspannte Auszeit auf dem wunderschönen Campingplatz, den wir etwas näher zur Klinik gefunden hatten. Täglich bekam sie Infusionen und es war schön zu sehen, mit welcher Liebe sie umsorgt wurde.
Donnerstags dann der Schock. Von einem auf den nächsten Tag war ihr schlecht, sie wollte nicht essen. Wir nahmen Blut, ihre Nierenwerte waren fürchterlich hoch. „Multimorbides Geschehen“ lautete das Urteil, ich sollte mir Gedanken machen, ob es von hier an noch weitergehen sollte. Der behandelnde Arzt musste sich leider für eine OP verabschieden, stattdessen setzte er eine sehr empathische Ärztin an meine Seite.
Wir führten lange Gespräche. Für mich war klar: Amber sollte nicht leiden müssen. Ich wollte sie nicht für mich am Leben erhalten. Gleichzeitig gab es keine Erklärung, warum es ihr ging, wie es ihr ging. Wir sprachen darüber, wie es ablaufen würde, wenn ich sie gehen ließe. So lange, bis ich überzeugt war davon, dass es die richtige Lösung sei. Wir sprachen darüber, wie sie abtransportiert würde, ob es die Möglichkeit der Kremierung auch in Litauen gibt und wie ich sie wieder abholen könnte.
In der Zwischenzeit bereiteten die Helferinnen Dokumentation und Medikamente vor. Ich ließ mir eine Schere bringen, schnitt ein Büschel Haare aus ihrem Fell, welches ich als Erinnerung aufbewahren könnte. Die junge Ärztin holte einen weiteren Arzt hinzu.
Bullshit, Einpacken, Mitnehmen
Er schaute sich Ambers Blutbild an, fragte mich, was das noch bringen solle, das koste doch hier alles nur Geld. Sagte mir, er würde sie auch ohne Betäubung gehen lassen. Den Grund dafür erspare ich euch, der Text hier ist schon grausam genug. In diesem Moment reichte es mir. Ich rief meine Ärztin in Deutschland an, schilderte ihr die Situation. „Bullshit, Einpacken, Mitnehmen!“ war ihre einzige Reaktion und das tat ich auch.
Am nächsten Morgen trafen wir die Nierenspezialistin. Amber bekam erneut Blut abgenommen, ihr Herz und Bauchraum wurden geschallt, steriler Urin aus der Blase genommen. Sie fanden wenig bis nichts. Zumindest nichts, was ihren Zustand erklären könnte oder für einen Hund in diesem Alter völlig unnormal sei.
Letztendlich kam Amber wieder auf die Beine, wurde Tag für Tag stärker und nahm wieder zu. Wir sammelten herrliche Erinnerungen und sie genoß die Zeit am Strand und Meer.
Zurück
Vorletzten Samstag habe ich mich in der Klinik entschieden, sie gehen zu lassen.
Zu meiner Trauer habe ich keinen Zugang gerade, wozu ich jedoch auf jeden Fall Zugang habe, ist meine Wut.
Denn dieser eine Satz, dieser Satz der Ärztin, der verfolgt mich seither jeden Tag. Ich habe so viele grausame Dinge gehört in den letzten Wochen, die für mich sowieso fürchterlich emotional waren. Ich gehöre zu den Menschen, die sehr wohl wissen, dass man als Besitzer vielleicht manchmal nicht wahrhaben möchte, was andere sehen.
Vielleicht ging es mir nach all der Vorgeschichte selbst so. Dabei habe ich an besagtem Samstag vor der Fahrt in der Klinik noch mit meiner Haustierärztin telefoniert. Ich habe sie gefragt, ob sie zu uns kommt, weil ich Amber nicht diesem Transport aussetzen wollte, wenn es keine Chance für sie gibt. Sie hat mir selbst geraten, noch einmal in die Klinik zu fahren.

Und auch wenn ich an meiner Klinik schätze, dass wirklich IMMER das Wohl der Tiere im Vordergrund steht, würde ich mir doch eines wünschen: Dass ein Besitzer, der 14,5 Jahre mit seinem Tier verbracht hat, nicht zur Begrüßung mit dem sprichwörtlichen Holzhammer geschlagen wird, sondern so begleitet, wie es unsere tatsächlich behandelnde Ärztin glücklichweise auch geschafft hat. Offen, ehrlich, im Gespräch, im Austausch und trotzdem mit klarem Standpunkt auf die Perspektive, die von meiner und der Einschätzung des Vortages abgewichen ist.
Der Abschied von einem langjährigen Begleiter ist Vertrauenssache und wie bitte soll dieses Vertrauen gegeben sein, wenn mein Urteil und meine Entscheidungen schon im ersten Satz komplett in Frage gestellt werden? Wie soll ich mich fühlen, als ob mein Tier und unsere gemeinsame Geschichte wertgeschätzt werden, wenn „die“ von Vornherein als hoffnungsloser Fall und nicht als mein Gefährte über 14 Jahre abgetan wird? Und wie soll ich meinem Hund das Gefühl geben, dass das hier der richtige Weg ist, wenn ich selbst eine absolute Sperre gegen die Person mir gegenüber empfinde?
Ein paar Tage sind eine lange Zeit bei einem Hund in diesem Alter. Aber genau daher wirft man ein Leben eben auch nicht leichtfertig weg, nur weil jemand der Meinung ist, dass sich kein anderer traut, harte Worte zu sprechen.
Doch, liebe Aufnahmeärztin, haben sie. Die Worte waren immer da und keiner von uns war blind. Die meisten jedoch hatten Respekt vor meinen Gefühlen, unserer Geschichte und unserer Liebe zueinander. Ohne deshalb die Situation zu beschönigen oder mich in Watte zu packen.
Was bleibt
Am Ende bin ich dankbar. Dankbar dafür, dann eine andere Ärztin gehabt zu haben. Eine, die uns gesehen hat, uns Raum gab und mir Zeit, alle Denkmuster der letzten Wochen zu prüfen und über den Haufen zu werfen um dann selbst zu sehen, wie es Amber geht und was hier, heute und jetzt die beste Entscheidung ist. Zu verstehen, dass Blutwerte und Untersuchungen nicht immer etwas aussagen und dass es manchmal gar nicht die gute Nachricht ist, wenn man nichts findet, was man behandeln kann.
Und so ist da irgendwo unter deinen Worten und der Verletzung, die so unendlich tief ist, dann vielleicht auch doch ein wenig das Gefühl, für Amber das Richtige getan zu haben.

Love you, Amber. Always.