Nachwehen oder Lego in der Playmobilkiste

„Ich würde in meiner alten Heimat ein kleines Haus kaufen, eine Hundephysiotherapiepraxis eröffnen, einen weiteren Hund aufnehmen und weiter schreiben.“

Ziemlich exakt zwei Jahre ist es her, dass ich diesen Satz völlig aus dem Nichts in mein Glückstagebuch schrieb.

Auf den ersten Blick hatte sich seitdem nicht viel getan, ich blieb in unserer bisherigen Wohnung, weit weg von der alten Heimat, ein weiterer Hund zog nicht ein und das Schreiben fiel völlig aus meiner Prioritätenliste. Innerlich jedoch geschah einiges, fast die komplette Zeit verbrachte ich in meinem Kopf, mit meinen Gedanken, verarbeitete altes, nicht ausgepacktes Gepäck, welches ich von Umzug zu Umzug mit mir herum schleppte. Hinterfragte selbst auferlegte Grenzen, hinterfragte mein ständiges Streben nach völliger Unabhängigkeit von allem und jedem.

Schon zu Beginn meiner Auszeit im Februar gab es eigentlich nur ein Thema für mich – Heimat. Ich las mich durch das Buch „Nach Hause gehen: eine Heimatsuche“ von Jörn Klare, wollte dies ebenfalls, nach Hause wandern, endlich abschließen mit dem Früher, dieses nagende Gefühl des Nicht-angekommen-Seins endlich vollständig aus meinem Kopf verbannen.

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I’ve got your back

Letztendlich gab es die Wanderung nur in abgekürzter Form. Die Rabauken und ich erwanderten die ganz alte Heimat, liefen dort, wo ich zur Schule gegangen war, bestaunten die Veränderungen im Ort, alt und neu, hielten zum Kaffee, kamen ins Gespräch mit Menschen, die wir eigentlich nicht kannten, deren Gesichter mir genauso fremd waren, wie überall sonst. Sie aber kannten mich. Konnten mich zuordnen, wussten, wer meine Familie war, wie ich ausgesehen hatte, als ich klein gewesen war und hier die Schule besucht und Spielplätze erkundet hatte. Ein warmes Gefühl machte sich breit. Hier musste ich mich nicht erklären, keine jahrelange Vorgeschichte aufrollen, die ich niemals hätte beschreiben können, hier war sie einfach da, denn sie, die Frau, die mir hier liebevoll eine Brotzeit bereitete, sie war irgendwie Teil dieses Ganzen gewesen.

Immer mehr Menschen stießen zum spontanen Kaffee hinzu, wir lachten, verglichen Entwicklungen, brachten uns auf Stand, richteten Grüße aus. Die Rabauken und ich wanderten zurück, es hupte ein Auto, meine Cousine grüßte uns im Vorbeifahren. Ich fühlte mich sichtbar, angekommen, natürlich dazugehörig, ein Gefühl, dass ich irgendwie verloren hatte in den vergangenen Jahren und das mir eine ungeheure Sicherheit verlieh.

Wieder zuhause in der neuen Heimat kam der Lockdown. Zerschossen all meine Reisepläne. Meine größte Horrorvorstellung wurde wahr: Wochenlang ohne Ablenkung sollte ich ausgerechnet dort verbringen, wo die Umgebung mir Streß bereitete, von wo ich zu flüchten versuchte, wann immer die freie Zeit es zuließ.

Auszeit im Bergischen

Ich nahm es ernst. Verließ das Haus nur für Runden mit den Rabauken, ließ das Auto stehen, lief nur die Strecken, die wir zu Fuß erreichen konnten. Ich lernte viel. Darüber, wie ich mir mein eigenes Zuhause, dass ich mir als Ruhepol wünschte, in eine Liste voller To-Dos verwandelt hatte, die es mir unmöglich machte, einfach mal abzuschalten. Endloser Perfektionismus verbot es mir, überhaupt einmal nachzudenken darüber, was mir denn früher einmal Spaß gemacht hatte, ich verbrachte unzählige Stunden versunken in Social Media, dröhnte mich voll mit Serien und Ablenkung, um nicht mit dem konfrontiert zu sein, was mir zu Beginn meiner Zeit dort noch schwer zu schaffen gemacht hatte: Einsamkeit.

Ich ging der Sache auf den Grund. Statt einer To-Do-Liste erstellte ich nun eine mit Dingen, die mir früher einmal Freude bereitet hatten: Lesen, Malen, Musik hören. Probierte aus, stellte fest, dass mein Bücherregal überfüllt war mit Fachlektüre. Statt Fantasiewelten sprangen mir hier weiteres Lehrmaterial, „du musst noch“, „du weißt noch nicht genug“ entgegen.

So bestellte ich bei der lokalen Buchhandlung, was schon lange auf meiner Wunschliste stand. Verbrachte Stunden mit dem, was andere erlebt hatten, ging auf in der Faszination für andere Menschen, ihre Art zu schreiben, las Dinge, die mich wirklich interessierten, die nicht vorab ein Online-Algorithmus für mich gefiltert hatte.

Außerdem beschäftigte ich mich mit Human Design, entpackte Kiste für Kiste seelische Alltagslasten, die ich mit mir herum schleppte, erkannte an, dass ich auch Dinge zurück gelassen hatte bei meinem ständigen Wechsel ins Neue, Aufregende. Dinge, die, nun einmal ausgepackt, auch Jahre später noch schmerzen konnten, sich dann aber erleichtert über meine verspätete Anerkennung einfach verabschiedeten. Ich verarbeitete in wilden Träumen und war unendlich dankbar für immer und immer wieder überraschende Spaziergänge draußen in der wundervollen Umgebung der jetzigen Wohnung.

Abends las ich in der Familiengruppe von geteilten Bolognese-Saucen, Überraschungspaketen mit Kuchen, die anderen Mitgliedern vor die Tür gestellt wurden, war dankbar für elektronisches Dabeisein, buk nach, um das warme Gefühl selbst empfinden und zumindest in der Nachbarschaft weitergeben zu können.

Dachte mir noch immer nichts dabei. Selbst als ich das erste Mal nach all der Zeit wieder in die alte Heimat fahren durfte und auf Höhe des Frankfurter Flughafens, an dem ich mehr Zeit verbracht habe, als an allen anderen Orten dieser Welt, alle Emotionen aus mir herausplatzten und die letzte halbe Stunde bis zur Heimat die Tränen der Erleichterung nicht aufzuhören schienen, habe ich mir noch immer keine Gedanken gemacht. Stattdessen war ich irritiert, dass bei meiner Social-Media-Umfrage, was wohl Großes anstehen könnte, ein Großteil der Teilnehmer mit „du ziehst in die alte Heimat“ geantwortet hatte. Wie kamen sie denn darauf?

Als ich den Caddy – die wahre große Neuigkeit und eine ganz andere Geschichte – schließlich abholte und mein vorheriges, treues Reisegefährt beim Händler ließ und der große, erwartete Herzbruch sich gar nicht einstellte, reifte in mir eine Ahnung: Das war noch nicht alles. Da kommt noch mehr. Doch noch immer schob ich diese Gedanken energisch beiseite.

What’s in the cards for you?

Eines Morgens Anfang Juli, als beim Spaziergang wieder mehrere doofe Hundebegegnungen inklusiver zugehöriger Belehrung auf meinen Magen schlugen, war es soweit: Ich stellte einen Suchauftrag. Für eine neue Wohnung oder ein kleines Haus. Zuerst noch in der neuen Heimat. Es tat sich jedoch einfach nichts auf, es gab nicht eine Reaktion auf meine Anfragen. Außerdem war da wieder dieses blöde Bauchgefühl bei jeder Anzeige, die ich öffnete. Dieser doofe Hintergedanke „Willst du das wirklich? Der ganze Aufwand dafür, dass du dann vielleicht bald wieder umziehen wirst?“. Ich war verwirrt, ging dem Gedanken nicht nach, beschloss aber, das Schicksal entscheiden zu lassen und erstellte exakt den gleichen Suchauftrag in der alten Heimat.

Noch am selben Abend erschien dort genau das, was ich mir wünschte. Ich schrieb den Makler an, hatte furchtbare Bauchschmerzen dabei, dachte die gesamte Zeit bei mir „Was machst du denn da, bist du eigentlich bescheuert?“. Sprach trotzdem mit meiner Chefin. Würde zukünftig einen Großteil von zuhause aus arbeiten dürfen. Die Erfüllung eines jahrelangen Traumes. Und ein entscheidender Schritt zur Klarheit: Ich wollte endlich nach Hause, nicht mehr die sein, die alles verpasst, die kleinen Nichten und Neffen nicht aufwachsen sieht, bei Familienfesten nicht dabei sein kann oder als erstes gehen muss. Und: ich wollte das Gefühl zurück, das sich nur einstellt, wenn dich jemand kennt, wenn du schon viele Jahre gemeinsam verbracht hast, wenn du dich nicht erklären musst, du kulturell einfach hinein passt in dein Umfeld. Nicht mehr Lego sein unter Playmobilfiguren.

Das erste Haus haben wir nicht bekommen. Dafür aber ein ganz anderes. Liebevoll renoviert, nah an der alten Heimat, aber dennoch in neuer Umgebung – schließlich muss es für uns ja noch etwas zu entdecken geben. Das Nebengebäude für die Physiopraxis ist auch dabei. Gekauft haben wir nicht, stattdessen gemietet. Dennoch werden nun in Kürze ganz ungeplant auf einen Schlag mehrere Träume für uns in Erfüllung gehen.

Diesmal jedoch weiß ich eins: Die Kisten werde ich alle gleich auspacken. Nicht nur die mit der Vorfreude, nein, auch die, mit der Traurigkeit über das, was am alten Ort zurück bleibt. Schließlich soll auch das, was uns auf den Weg gebracht hat, seine Anerkennung bekommen.

Lasst es euch gut gehen.

Kerstin mit Buddy und Amber

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