Basierend auf Annahmen oder abgenabelt

Ein müder Morgen. Statt Kaffee und entspanntem Tag in den Tag wollte Buddy raus. Gestern humpelte er so stark, dass mir ganz übel wurde. Seit ich ihn habe, lief er noch nie so schlecht, selbst vor der zweiten OP war es nicht so schlimm. Er sprang auf drei Beinen durch die Wohnung, den Rücken aufgezogen. Es war klar, wir würden heute nur eine kurze Runde gehen können.

Also gut. Widerwillig zog ich mich an, Amber das Halsband und Buddy das Geschirr um. Schleppleine dran und los in Richtung Damm. Das Humpeln war schon besser, die Gedanken zu gestern jedoch noch omnipräsent.

Trotz der frühen Uhrzeit war auf dem kleinen Spazierweg am Flüsschen schon einiges los. Die Dame mit dem kleinen schwarz-weißen Hund stoppte kurz. Ihr Hund bellte. Wir waren uns nicht wohl gesonnen. Seit ich ihr deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass ich für meine Hunde keinen Kontakt an der Leine wünsche, war sie nicht gut auf uns zu sprechen. Amber bellte zurück. Die Dame zuckte zusamen. Schlimmer noch, seitdem hatte sie richtig Angst vor Amber.

Die Dame lief weiter, ihr Hund drehte sich nach uns um. Wir gingen hinter ihr her, während ich versuchte, die aufgeregte Amber zu beruhigen.

Dicht hinter uns lief das nächste Mensch-Hund-Gespann. Der wuschelige Shi Tzu war ebenfalls auf Kontakt aus. Amber beruhigte sich nicht. Ein Hund vor uns, der sich immer wieder herum drehte, einer hinter uns, der versuchte, aufzuholen. Das war ihr zu viel. Mir auch. Buddys Humpeln war längst Nebensache geworden. Ich wich auf die Wiese aus.

Während Amber mit ein wenig Distanz auf Parallelwegen langsam herunter fuhr, trafen sich die Damen oben. Ich hörte sie reden. Es gab kein Getöse zwischen den Hunden.

Kurz fragte ich mich wieder einmal, ob der ganze Hundebegegnungsstreß bei uns nur aufgrund des Kontaktverbotes an der Leine entstanden war. Mein erster Hund durfte an der Leine alles und jeden begrüßen und wir hatten dieses Problem nie.

Don’t know what you’re expecting of me

Was die beiden oben wohl reden würden? Mit Vollgas auf dem Weg in meine Gedankenspirale nahm ich meine Hunde nicht mehr wahr. Was finden sie wohl falsch an mir? Was stört sie so sehr an meinem Verhalten? Warum hatte die Dame Angst bekommen vor Amber? Ich lief schneller. Wollte sie einholen. Ansprechen. Klarstellen.

Buddy blieb stehen, markierte ein Grasbüschel. Es war gefroren. Er trug keinen Mantel. Kann ich eigentlich irgendetwas richtig machen?

Die Dame lief schneller, versuchte, Abstand zu gewinnen, und bog in eine andere Richtung ab. Wir gingen zurück zum Haus. Trafen einen weiteren Hund. Er brauste auf. Buddys mühevoll behaltene Ruhe war dahin. Meine auch. Ich wollte hier nicht mehr sein! Nicht mehr leben in einer Gegend, in der uns keiner akzeptiert. Kurz dachte ich darüber nach, was denn wäre, wenn ich meine Wohnung einfach kündigen würde.

Ich brachte Buddy ins Haus. Er war genug gelaufen. Schnappte mir Amber, ging eine weitere Runde. Wollte die Frau finden, mit ihr sprechen, das gerade rücken.

Every step that I take is another mistake to you

Auf dem Weg trafen wir einen Mann, zwei Hundesenioren im Schlepptau. Ich hielt Amber fest. Sie sang und jodelte und sprang. Der Mann fragte, was mit ihr los sei. Ich fragte mich das auch. Verfiel in Rechtfertigungsmodus. Erzählte ihm von blöden Begegnungen, warum sie hier nicht frei rennen dürfe. Übersah dabei völlig die Bedürfnisse meines Hundes in diesem Moment. Keiner der beiden Senioren zeigte Interesse an Amber, dennoch konnte sie sich nicht beruhigen.

Wir gingen weiter. Ich fand es auch nicht schön. Dachte an all meine Versäumnisse und Fehler und ob es wohl anders wäre, hätte ich nur alles richtig gemacht.

Am Bäcker wartete die Corona-Schlange auf ihre Brötchen. Wir gingen vorbei. Ein Mann in der Schlange lächelte mich an. Also gab es doch noch Menschen, die mich mochten.

BOOM!

Und hier schlug die Erkenntnis ein! Was zur Hölle machte ich da eigentlich? Voller Gedanken, ob mich die anderen wohl akzeptieren würden, warum nicht, was ich wohl tun und wie ich denn wohl sein müsste, damit es so wäre, nahm ich keinen Moment unseres eigentlichen Spaziergangs wahr. Erkannte nicht, was wir wirklich brauchten, lebte das, von dem ich dachte, dass andere es erwarten könnten, wusste nicht mehr, wofür ich eigentlich stand.

Konnte daher meinen Rabauken, von denen besonders die Wüstenprinzessin konsequente Anleitung erwartet, nicht Vorbild sein. Sie nicht begleiten in ihr unsicheren Situationen, ließ sie auf sich allein gestellt, sie das regeln, von dem sie dachte, dass ich es erwarten könnte.

Vor kurzem hatte ich darüber nachgedacht, warum ich eigentlich auch auf Freiflächen Hundebegegnungen immer ausgewichen war. Schnell wurde mir klar, dass ich mich potentiellen Konflikten nicht gewachsen fühlte. Die permanente Erwartung des Schlechtmöglichsten in Kombination mit den Gedanken an eventuelle Hilflosigkeit in Konfliktsituationen ließen mich entweder große Bögen machen oder Amber wie eine geladene Rakete auf andere los senden.

Wie das eigentlich geht, eine Hundebegegnung mit zwei Rabauken im Schlepptau, das hatte ich trotz unzähliger Hundetrainer nie gelernt. Die Möglichkeit, sich durch Begegnungen mit anderen auszuprobieren, dank meines eigenen Perfektionismus nie in Betracht gezogen. Nur bei Bekannten und lieben Freunden war das ohne Probleme möglich.

Besonders eine Begegnung, bei der ich Amber eigentlich eine Runde Spiel mit dem wirklich großartigen Gegenüber gönnen wollte, öffnete meine Augen dafür, welch große Rolle meine eigenen Gedanken in einer solchen Situation spielten. Nach dem Übereinkommen mit der anderen Besitzerin, es doch mit beiden Hunden zu versuchen, leinte ich Amber ab mit den Worten „die ist manchmal etwas doof“ und lud sie damit quasi auf mit dem, was auch prompt folgte: Sie schoss auf ihr gegenüber zu, die Hunde keiften sich an, sie machte uns den Weg frei. Als sie zurück kam aus ihrem Konflikt, war sie richtig stolz darauf, dass sie es „geschafft“ hatte. Ich war zuerst verwirrt, verstand dann aber doch: Jahrelang hatte ich ihr vor allem auf dieser speziellen Spazierstrecke nichts anderes beigebracht.

Also arbeiten wir wieder. Die Einzelrunden, die wir gemeinsam gehen, wenn Buddy seinen Körper zuhause schont, geben mir die Gelegenheit, ihr zu erklären, dass das alles nur ein großes Mißverständnis war. Dass ich die anderen Hunde genauso wenig blöd finde, wie sie. Ganz im Gegenteil, dass ich mich sogar freue über entspanntes Zusammentreffen mit anderen. Dass ich sie nicht brauche, um uns den Weg frei zu panzern, sondern, dass wir selbigen einfach entspannt gehen können, komme was da wolle.

Dafür musste und muss aber auch ich wachsen. Einstehen für mich und meine Vorstellungen. Deshalb arbeite ich vor allem an mir. „Gedankendisziplin“ habe ich vor kurzem im Interview von Laura Malina Seiler mit Greta Silver gehört. Das hat die sich zur Erinnerung auf ein Schild geschrieben. Tief hat sich das bei mir eingegraben und ich hinterfrage nun, ob wirklich wahr ist, was ich denke.

Ersetze meine negativen Annahmen durch meine Überzeugungen, um mich und meine Rabauken klar positionieren zu können. Nicht in Stein gemeißelt, dafür möchte ich noch zu viel lernen. Aber auch nicht mehr aus Fähnchen im Wind.

Tired of being what you want me to be

Gleichzeitig zelebriere ich meine Pubertät in der Hundewelt. Die Abnabelung von den Gedanken anderer, die letztendlich hauptsächlich meine eigenen Ängste waren. Gehe gestärkter in meiner eigenen Ansicht offener und klarer auf andere zu. Mache so meinen Rabauken und unserem Gegenüber klarer, was ich wirklich will. Letztendlich haben wir so in kürzester Zeit wirklich viele positive Begegnungen gehabt. Zeit für einen kurzen Plausch, Zeit meinen beiden zu zeigen, dass ich gar keine Angst habe vor denen, die uns da begegnen.

More like me less like you

Meine Ruhe habe ich am ersten Spaziergang des Tages noch immer lieber. Platz mit Amber meistens ebenso. Das geht aber auch in freundlich. Und so überraschen uns andere Menschen immer wieder positiv. Auf einmal kommen wir mit denen in Kontakt, die ich jahrelang nicht sehen konnte, weil ich so sehr mit negativen Gedanken und so wenig mit meiner Anleitung den Rabauken gegenüber beschäftigt war, dass ich blind die Geduld verlor. Oft gab ich dem Gegenüber die Schuld, ihre angebliche Einstellung – die selbstverständlich mein eigenes Gehirn höchst kreativ entworfen und ich nie persönlich von demjenigen erfahren hatte – war mir sowas von zuwider!

Heute sind die Stacheln eingefahren, und interessanterweise fühle ich mich integrierter. Einmal aus der Gedankenwelt aus- und in die Realität eingestiegen, zeigt sich schnell, dass gar nicht jeder darauf aus ist, uns Böses zu wollen und sich die Gedanken anderer überraschenderweise gar nicht alle um uns drehen. Auf einmal ist es für mich aber auch in Ordnung, wenn mich nicht alle mögen – ich mag ja auch nicht alle.

Zu viel nachdenken darüber kann ich allerdings gar nicht. Zu sehr beschäftigt bin ich damit, den Frühling dabei zu beobachten, wie er Tag für Tag neue Überraschungen für uns bereit hält oder meine Rabauken anzuleiten, wenn wir anderen begegnen. Den Gedanken zur Wohnungskündigung habe ich wohl irgendwo verloren, zumindest hat er sich kein eines Mal mehr bemerkbar gemacht.

Lasst es euch gut gehen.

Kerstin mit Buddy und Amber, heute unterstützt von der wunderbaren Leni

2 Kommentare

  • Mel Wölky

    Toll geschrieben!
    Ich erkenne mich in fast jeder Zeile wieder. Puh… wenn man es dann so schwarz auf weiß vor sich hat. Wir, ähm ich, bin aber auch auf bestem Wege 🙂

    Ganz liebe Grüße aus Essen
    Mel

    • Buddy schreibt

      Danke! Das freut mich sehr. Ich muss sagen, jetzt – noch ein paar Wochen später – fühlt es sich wie eine richtige Erleichterung an, das erkannt zu haben. Viel Erfolg auf eurem weiteren Weg!

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