World outside your window oder zwischen Angst, Abenteuerlust und alleine sein

World outside your window oder zwischen Angst, Abenteuerlust und alleine sein

Die Urlaubsplanung steht bevor. Das Baltikum. Großer Traum. Ein Roadtrip, Musik im Radio, Bernstein in der glitzernden Sonne am Strand, die Rabauken immer bei mir. Im Gepäck ein Zelt und Kaffee für die einsamen Morgen im Wald. Klingt herrlich. Klingt nach Abenteuer. Klingt nach Machen. Klingt aber auch nach Angst. Nach Überwindung. Alleine sein. Einsamkeit fühlen.

Häufig höre ich von anderen: „Du bist aber mutig. Das hätte ich nie gemacht.“ Dann denke ich darüber nach, was anders ist bei mir. Ich denke nicht, dass ich mutiger bin als andere. Allerdings ist irgendetwas in mir, das möchte raus. Wandern, Natur spüren, Abenteuer erleben. Zeit draußen verbringen. Durchatmen. Das Gefühl haben, es geschafft zu haben. Die Angst bezwungen zu haben. Ist es das, was gemeinhin als Wanderlust beschrieben wird?

Warum alleine reisen?

Vor Kurzem hat mir jemand von seinen Afrika-Reisen berichtet. Erzählt, warum sie in jedem Fall alleine unterwegs ist. Sie wolle die volle Breite der Emotionen spüren, Glück empfinden, Kultur und Menschen hautnah kennenlernen. „Das geht nicht, wenn da jemand ist, der mir von Problemen erzählt.“ Das stimmt. So kenne ich das auch. Im Alltag vollgeladen mit Sorgen und Problemen, möchte ich mich unterwegs voll auf den Ort einlassen können. Die Freiheit geniessen, die Umgebung aufzunehmen in meinem Tempo, Fotos zu machen, sitzen zu bleiben oder weiter zu fahren. Einfach sein.

Meistens bin ich gehetzt. Fühle mich getrieben. Fremdgesteuert von Anforderungen anderer, den täglichen To-Dos. Überfordert von Optionen. Raus und fremde Orte tun mir gut. Sie zwingen mich, herunter zu fahren. Einen Fuß vor den anderen zu setzen, Schritt für Schritt voran zu gehen. Den Körper wahrzunehmen. Anstrengung spüren. Über meine eigene Grenze zu gehen, wenn ich nicht mehr laufen möchte, denke, ich muss aufgeben. Das Glück empfinden, wenn an der nächsten Ecke dann eine besondere Aussicht auf mich wartet. Aufnehmen, was um mich herum passiert. Wieder durchatmen.

All das jedoch erfordert Ruhe. Wenig andere Menschen. Nur selten eine liebgewonnene, vertraute Begleitung. Das wiederum erfordert abgelegene, verlassene Orte. Oder außergewöhnliche Uhrzeiten. Touristenmagnete in Herrgottsfrühe. Waldwanderwege, die keiner geht. Urlaubsorte, die Abgeschiedenheit versprechen.

Abgeschiedenheit, Angst und Kopfkino

Mit der Abgeschiedenheit kommt auch die Angst. Noch immer ist es ein Thema, als Frau alleine zu verreisen. Trotz der Hunde. Als ich meine Ängste zur bevorstehenden Baltikumtour einer Kolllegin geschildert habe, war die erste Antwort: „Dann fahr doch nicht so weit weg.“ Aber ändert das wirklich etwas?

Fast täglich sind wir unterwegs im heimischen Wald. Aufgrund der Hitze des Sommers nun häufig auch sehr früh oder spät. Vor kurzem liefen wir erst kurz vor der Dämmerung los. Kaum war die erste Euphorie über die begeisterten Rabauken verflogen und wir in unserem Rhythmus angekommen, wurde die hübsche Prinzessin nervös. Ständig knackte es im Unterholz. Mit jedem Mal, mit dem sie ihre Nase in den Wind hob und witterte, stieg meine Sorge. Wildschweine? Ich wurde unsicher. Konzentrierte mich nur noch auf das „was tue ich wenn.“ Leinen ab? Würden sie schnell genug sein zu flüchten? Was ist mit Buddys Bein? Was ist mit mir? Ja – ihr dürft ruhig lachen. Passiert ist natürlich nichts. War es doch nur ein weiteres Beispiel dafür, was sich im Kopf abspielt, wenn man an der Kasse ein Ticket und Popcorn kauft und sich zurück lehnt. Enjoy the show.

Risikomanagement

Was ich damit sagen will? Passieren kann überall etwas. Und Kopfkinos einzige Berechtigung ist wohl, alles noch viel schlimmer zu machen. Daher versuche ich, an Ängste und Sorgen heranzugehen wie an meinen Job. Riskmanagement. Was sind die essentiellen Dinge, die ich brauche, um mich sicher zu fühlen auf Reisen? Die Hunde sind schon mal ein guter Anfang. Pack noch eine gute Portion Bauchgefühl und ein funktionierendes Telefon ein und schon kannst du leichter durchatmen. Überhaupt Bauchgefühl: Bei allem, was ich plane, höre ich sehr darauf. Es lässt mich sehr wohl unterscheiden, ob ich wirklich Angst habe oder vielleicht nur einen kleinen Schubser brauche. Wenn ich mich wirklich unwohl fühle, dann lass ich es sein.

Gestern habe ich gelesen, dass Alastair Humphreys, der Erfinder des Begriffes Mikroabenteuer, sagte: „Immer wenn du denkst, das ist eine klasse Idee, und direkt danach Zweifel kommen, weißt du: Du bist auf dem richtigen Weg.“ So ganz kann ich ihm nicht zustimmen. Ich denke, ich weiss, was er meint, worauf er hinaus will. Raus aus der Comfort Zone, raus aus der eigenen Bequemlichkeit. Das kann ich unterschreiben. Dennoch: Der Grat is schmal zwischen raus aus der Comfort Zone und rein in den gefährlichen Leichtsinn, nur weil ich unbedingt etwas erleben möchte. Und Körper- und Bauchgefühl sind eben auch so eine Sache. Sind sie wirklich bei dir oder werden sie völlig übergangen?

Ich für mich nehme daher meine Zweifel auseinander. Sind sie berechtigt, schaue ich mir an, was ich dagegen tun kann. Bin ich nur noch nicht bereit, will heißen, kann ich etwas verändern, nachforschen, recherchieren, und es stellt sich Sicherheit ein? Bin ich wirklich nicht bereit oder nehme ich mir eine weitere Portion Popcorn und lache über den Film, den mein Kopf da fährt?

Oft belächelt, mir aber eine große Hilfe in der all der Vorbereitung: Listen. Packlisten, in denen ich kleinlichst genau aufliste, an was ich denken muss. Unerwarteterweise musste ich im letzten Jahr feststellen, dass es tatsächlich gar nicht verkehrt ist, wenn da mal jemand drüber schaut. Vor allem, wenn es sich um jemanden handelt, der ein solches Unterfangen vielleicht schon hinter sich hat. Seine eigenen Erfahrungen hat damit. Wertvoller Input.

Damit ein weiterer Punkt gegen die Sorge: Hilfe annehmen. Überall. Mit entsprechender Vorsicht. Natürlich. Denn alles alleine machen ist auch so ein Ding. Natürlich will ich stolz darauf sein, etwas erreicht zu haben. Natürlich ist es toll, alles alleine geschafft zu haben. Wenn ich mir etwas beweisen muss. Noch toller ist es allerdings, einfach mal zulassen zu können, dass ein anderer etwas vielleicht besser kann. Und daraus zu lernen. Den tollen Moment des Erfolgs zu teilen. Und danach vielleicht ein kühles Bier. Und ein paar Geschichten.

Bleibt nur noch die Einsamkeit. Alleinsein. Hier schwankt es wohl zwischen dem Genuß, den Moment für sich zu haben, tun und lassen zu können, was ich möchte, und der Sehnsucht, all die tollen Momente zu teilen. So ist es zumindest bei mir. Die unangenehmen Momente möchte ich gar nicht so gerne teilen, irgendwie lieber mit mir selbst ausmachen. Auch, damit ich mich nicht festrede. Im Selbstmitleid und Unglück. Aber die schönen Dinge – habe ich jemanden, von dem ich weiss, dass er davon träumen würde, genau hier zu stehen, genau das auch genießen könnte, dann fällt es mir unglaublich schwer, dort alleine zu sein. Lediglich ein Foto zu machen. Nicht zu sprechen. Denn ganz bringt ein Foto doch niemals herüber, was um dich herum passiert ist. Oft fehlt mir dann gemeinsames Lachen, ein Blick, ein Witz oder eine Idee, auf die ich nicht gekommen wäre.

Dennoch – deswegen verzichten? Die Orte im Hinterkopf behalten und immer nur ins Später schieben? Niemals! Zu wertvoll ist das Heute, zu kurz die Zeit, zu vielfältig die Möglichkeiten. Deshalb dürfen Angst, Sorgen und Einsamkeit mitreisen. Bekommen einen kleinen Platz in unserem Auto, etwas Sonnenschutz und ein Getränk und werden mit eingeplant in unserem Zelt. Wir freuen uns, dass sie dabei sind, sich überwinden, neue Horizonte entdecken. Hoffen darauf, dass sie sich anstecken lassen von uns und unserem Spaß am Erkunden, Entdecken, Erleben. Und dann gemeinsam mit uns zurück kehren, voller neuer Eindrücke, reicher an Erfahrungen, reicher an Erlebnissen alleine, im Hund-Mensch-Team und mit anderen Menschen.

Und hoffentlich voller Glück und mit einer Speicherkarte voller Fotos für die, die wir in Kopf und Herzen auf dem Weg dabei hatten.

Lasst es euch gut gehen.

Sie

4 Gedanken zu „World outside your window oder zwischen Angst, Abenteuerlust und alleine sein

  1. Ich finde auch, dass das alleine Reisen den eigenen Horizont erweitert. Als ich noch nicht verheiratet war, bin ich fast immer alleine verreist. Und ich habe dabei immer Reisen unternommen, auf den ich viele nette und manchmal auch nicht so nette Menschen kennen gelernt habe. Ich habe mir damals auch die ein oder andere Traumreise verwirklicht. Heute – mit einem reizenden Gemahl und 2 Hunden – bin ich manchmal immer noch alleine unterwegs. Das macht mir immer noch Spaß. Auch wenn es mit zwei Hunden manchmal etwas umständlich ist.
    Viele Grüße
    Martin

    1. Ja, das stimmt, ich finde es auch häufig umständlich mit zwei Hunden. Dennoch habe ich bisher meist gute Erfahrungen gemacht und werde es deshalb auf jeden Fall wieder wagen. Viele Grüße an euch. Kerstin

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