Wie alles begann, wurde und heute ist oder die Femurkopfresektion beim Hund

Wie alles begann, wurde und heute ist oder die Femurkopfresektion beim Hund

Kaum zu glauben, aber dies ist unser 100ter Beitrag. Was passt da besser, als ihn dem Thema zu widmen, mit dem alles begann? Buddy und sein Unfall. Buddy und die Femurkopfresektion.

VorDerZweitenOP

Im zarten Alter von vier Monaten hatte Buddy einen Autounfall. Es heißt, er sei dem Fahrer hinters Auto gelaufen und der sei über ihn gefahren. Wie es genau dazu kam, weiß ich nicht, da er zu dem Zeitpunkt noch nicht bei mir lebte. Beim Unfall sind der Oberschenkelhals und -kopf, der das Bein normalerweise in der Hüftpfanne halten soll, abgebrochen. Irreparabel. Die Hüfte hatte Haarrisse und die Rute war ebenfalls gebrochen. Sie brachten ihn in die Tierklinik, wo man ihn operierte. Die abgebrochenen Teile des Knochens und damit auch gleichzeitig die knöcherne Verbindung zur Hüfte wurden entfernt. Die Funktion des fehlenden Gelenkes sowie die gesamte Stütze des Beines müssen jetzt von der Muskulatur übernommen werden. Für kleine und leichte Hunde oder Katzen stellt dies normalerweise kein Problem dar, je größer und schwerer der Hund jedoch ist, desto mehr Arbeit muss die Muskulatur leisten und desto kritischer wird das Ganze betrachtet. In Buddys Fall jedoch gab es keine andere Option. Selbst für ein künstliches Hüftgelenk war vom Oberschenkelhals zu viel zerstört und abgebrochen. Alternativ wäre nur eine Amputation möglich gewesen.

RoentgenBild

Die erste Operation habe ich nicht miterlebt. Da er so jung war, als der Unfall passierte, wuchsen seine Knochen selbstverständlich noch – zu seinem Pech genau so, dass der Oberschenkel an die Hüftpfanne stieß und er nochmals operiert werden musste, um das störende Stück zu entfernen.

NachDerZweitenOP

Nach der Operation blieb er zuerst zur Überwachung ein paar Tage in der Klinik. Wieder zuhause waren ein paar Tage Boxenruhe verordnet, um den Körper langsam an die neue Situation heran zu führen. Boxenstopp im Welpen-Formel-Eins-Modus? Ruhe war und ist für Buddy ein Fremdwort. Kaum hatte ich die Boxentür geöffnet, schoss er schon an mir vorbei, war nicht mehr zu bremsen, riss sich los und sauste durchs Haus. Gar nicht so leicht, ihn wieder einzufangen. Noch weniger leicht, zu sehen, wie er sich vor Schmerzen schreiend auf der operierten Seite wand. Schnell sollte ich lernen, dass eine emotionale Achterbahn fester Bestandteil einer solchen Geschichte ist – umso spannender, wenn dein Begleiter deine Schwächen genau erkennt und charmant zu nutzen weiß. Das ist aber eine ganz andere Geschichte.

Nach circa zehn Tagen der Boxenruhe durften wir die ersten kurzen Spaziergänge an der Leine unternehmen. Fünf bis zehn Minuten. Obwohl er nicht mein erster Hund war, hatte ich überhaupt kein Gefühl dafür, wie lange für ihn ok war. Immer wieder setzte er sich. Ich war ratlos und überfordert, konnte nicht einschätzen, ob er Schmerzen hatte oder dies bereits vorher antrainiertes Verhalten war, wusste jedoch auch, dass wir in jedem Fall so schnell wie möglich Muskeln aufbauen sollten. Je länger wir warteten, desto schwieriger würde es werden, desto schneller hätte sein junger Körper sich an die Schonhaltung und Fehlbelastungen gewöhnt.

IstDasEinGang

Physiotherapeuten gab es vor Ort nicht – ihr dürft nicht vergessen, wir lebten zu diesem Zeitpunkt noch in Katar. Die ersten Monate versuchte ich es mit dem empfohlenen Wassertreten im Meer, meistens endete es jedoch damit, dass er einfach wild durch die Gegend raste oder schwamm. An eine ruhige Zusammenarbeit war nicht zu denken. Als das Bein dann noch abgespreizt und wie leblos neben ihm zu schwimmen schien, verlor ich die Nerven. Weinend lief ich zurück zum Auto und rief den Tierarzt an. Kaum hatte ich mich wieder beruhigt, buchte ich einen Flug nach Deutschland, um die Tierklink meines Vertrauens aufzusuchen.

Sie konnten mich beruhigen und bestätigten, dass die Operation gut durchgeführt und alles ordnungsgemäß verheilt sei. Sie erklärten mir, dass sein schiefer Gang daher rührt, dass der Körper die fehlende Länge des Beines ausgleicht und welche Muskeln dies wie beeinflußt, klärten mich darüber auf, dass nicht jedes Mukeltraining gleich gut geeignet ist für ihn und versetzen sich in meine Lage. Sie hatten Ideen, wie ich draußen in Sand und Wüste geeignete Übungen mit ihm durchführen konnte, zeigten mir, woran ich Schmerzen und Überbelastung erkennen könnte. Ich fühlte mich ein wenig besser und mit neuem Mut im Gepäck flogen wir wieder nach Hause.

Um es kurz zu machen: 100ig ist es nie geworden. Sein Körper hat sich nie so regeniert, wie es ideal gewesen wäre. Durch seinen schiefen Gang und sein überschwengliches Labradorwesen ist er ungelenk, ein Elefant im Porzellanladen. Er hat Verspannungen überall im Körper, und das, obwohl er seit unserer Rückkehr nach Deutschland physiotherapeutisch behandelt wurde. Zuerst von anderen, heute, nach meiner Ausbildung, von mir selbst. Er hat sein eigenes Rotlicht und liegt, wo es für ihn am bequemsten ist. Er genießt weitaus mehr Freiheiten, als sie mein erster gesunder Hund oder meine jetzige Hündin je hatten.

Auch die emotionale Achterbahn hat nicht aufgehört. Obwohl man sich tatsächlich an einiges gewöhnt, steckt glaube ich kein Hundebesitzer einfach weg, wenn der Herzensbrecher die komplette Holztreppe hinab purzelt, weil er seinen Gang nicht so koordinieren kann wie andere. Wenn er weg gedrückt wird, weil er nicht rechtzeitig bremsen kann oder jemandem auf den Fuß gestiefelt ist, die Krallen tief in die empfindliche Haut desjenigen gedrückt. Wenn er im Seminar immer der kaputteste ist, immer als Vorzeigehund für Verspannungen, Triggerpunkte oder schlechtes Gangbild dient, egal was du für ihn schon getan hast.

Schief

Aber: Er ist glücklich! Er hat alle vier Beine, er kann mit anderen über die Wiese, durchs Wasser, durch den Schnee toben. Er kann sich behaupten. Er wickelt die reservierteste Hundelady locker um den Finger. Er kann auf die charmanteste Art dieser Erde zeigen, dass es genau jetzt Zeit wird, ihn an dieser bestimmten Stelle zu massieren. (Bitte raubt mir nicht die Illusion und sagt mir, dass eure Hunde auch die Nase unter den Arm schieben und die Hand dann mit Schwung genau an die zu massierende Stelle katapultieren?)

Um seine Schmerzen so gut es geht zu lindern, trägt er über die Wintermonate Mantel. Für die richtig kalten Tage haben wie einen gefütterten mit angeschnittener Kapuze. Wenn es bitterbitterkalt ist, trägt er dazu noch den gestrickten Loop. Ist es nur windig, trägt er einen grauen, dünnen Fleecemantel, der beim Laufen nicht raschelt. Das Einsteigen ins Auto fällt ihm schwer, daher haben wir hier eine Abmachung. Er setzt sich und bringt die Vorderpfoten nach oben, ich unterstütze ihn mit dem Hinterteil. Gegen unkoordinierte Ausrutscher auf der Treppe habe ich beide Augen fürs Ästhetische fest zugekniffen und Teppichfliesen angebracht. Für Ausnahmesituationen wie Reisen kennt er Hundeschuhe, die ihm auf glatten Untergründen Halt geben.

ImMantel

Die dauernde Schonhaltung hat sich in seinem Körper manifestiert und der sich entsprechend angepasst. Das Risiko für Kreuzbandrisse, Bandscheibenvorfälle, neurologische Ausfallerscheinungen und Arthrosen in seinen anderen Gliedmaßen ist bei ihm deutlich erhöht. Um diesen hoffentlich niemals eintretenden Folgen aus der Schonhaltung möglichst vorzubeugen, bekommt er weiterhin 2-3 Mal die Woche Physiotherapie. Dabei wechseln wir zwischen entspannenden Massagen, Muskelaufbau- und Koordinationstraining sowie Dehnungen und manueller Therapie. Im Sommer schwimmen wir so viel wie möglich. Er genießt all das und ist mit Begeisterung dabei. Turnt auf Trampolinen, Gummierdnüssen und luftgefüllten Knochen. Steigt über die wackeligsten Cavaletti, die jemals selbst gebaut wurden und ist wahrscheinlich der einzige Hund, der „stell dein Bein hin“ als Kommando beherrscht.

Zur Unterstützung seines Bewegungsapparates und Nervensystems bekommt er außerdem Nahrungsergänzungsmittel. Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit MSM und Vitamin B12. Zweimal im Jahr gibt es außerdem über sechs Wochen eine spezielle Gelenkkur. Um die nasskalte und damit automatisch schmerzhaftere Winterzeit zu überbrücken, haben wir in diesem Jahr begonnen, eine Kur aus Traumeel und Zeel bei zu füttern, die bisher sehr gut angeschlagen hat. Regelmäßig lasse ich ihn vom Orthopäden durchchecken. Der ist bisher sehr zufrieden.

Hoffen wir, dass es noch lange so bleibt.

Wenn ihr Fragen habt, euch noch mehr Information oder einen detaillierteren Erfahrungsaustausch wünscht, dann meldet euch gerne bei uns.

Lasst es euch gut gehen,

Sie

PS: Das Ende des letzten Winters hat ihm sehr zu schaffen gemacht. Im Zuge dessen haben wir uns auch über die Goldakupunktur Gedanken gemacht. Zur Zeit halten wir uns diese Option jedoch noch für schlechtere Tage in der Hinterhand.

 

8 Gedanken zu „Wie alles begann, wurde und heute ist oder die Femurkopfresektion beim Hund

  1. Mir ist diese Gemeinsamkeit nie aufgefallen: Paula hatte mit 5 Monaten eine Femurkopfresektion, gebrochene Rippen, angebrochene Wirbel, Nervenschädigungen. Mit 6 Monaten kam sie zu uns. Es folgten Monate der Revisionsops and der Hüfte und an den Vorderläufen mussten Knochen gebrochen werden, weil sich durch den Schreck Wachstumsfugen nicht richtig ausgebildet hatten… Sie wurde uns gegeben mit dem Kommentar „Wenn sie noch ein oder zwei schöne Jahre hat, haben wir gewonnen.“
    Als dann Enkis Diagnose kam, dass sich durch ein Trauma im Welpenalter das Hüftdach nicht richtig ausgebildet habe und er trainieren müsse, die Hüfte mit Muskelkraft und Sehnen zu halten, dachten wir beide erst „Bitte nicht, nicht schon wieder.“ Erst der zweite Gedanke war „Nun gut, dann von vorn. Wir wissen ja, was zu tun ist.“
    Ähnlich wie du habe ich auf Basis meiner Osteopathieausbildung für den Menschen eine Fortbildung für Hunde gemacht, um besser helfen zu können.
    Und ja, ja zu den Goldimplantaten. In Enkis Körper sind unsere Goldrücklagen versteckt. Natürlich habe ich keine Vergleichswerte, weil Paulas Körper so viel geschundener war. Aber er hat danach noch mal deutlich an Beweglichkeit gewonnen.
    Küsse an deinen charmanten Kämpfer.
    Herzliche Grüße
    Stephie

    1. Oh – das wusste ich nicht mit Paula. Da hatte sie aber noch deutlich mehr!
      Bei uns war es dafür „er sollte keine Probleme zurück behalten“ nach der ersten OP. Ha ha – nicht. Dennoch, allein die Tatsache, dass Fremde nach ner Runde Toben mal maximal finden, dass „der aber irgendwie komisch läuft“, ist glaub ich Zeichen genug. Und was hat sich dadurch für mich verändert – genau wie bei dir! Liebe Grüße zurück vom Kämpfer an euch!

  2. Hut ab vor deinem Engagement. In Deutschland einen kranken Hund aufzunehmen wo man wirklich alle Möglichkeiten hat finde ich immer sehr respektvoll, aber das Ganze in Katar ist echt noch eine Nummer größer. Ich hoffe sehr, dass du mit Buddy lange eine ruhige Zeit haben wirst, ohne das ständige Gedankenkarussel um die Erkrankung.

    Liebe Grüße Kerstin mit Grisu und Kessie

    1. Vielen lieben Dank. Vielleicht war ich damals zu blauäugig, als ich ihn aufgenommen habe. Mir war tatsächlich nicht klar, was auf mich zukommen könnte (vielleicht war das nicht mal den Ärzten vor Ort klar). Glücklicherweise gibt er mir jedoch auf so vielen Ebenen zurück, dass es sich gut ausgleicht bei uns :-). Alles Liebe für euch!

  3. ich lebe in ägypten und habe einen wüstenhund mit 9 jahren . er humpelt schon seit dem ich ich mich um ihn kümmere . die letzten monate hatte er schmerzen , was er vorher nie gezeigt hat. also haben wir ihn röntgen lassen ,und der arzt sagt der fermurkopf sollte entfernt werden da die gelenke kaput sind . er konnte beim röntgen nicht mal seine beine ausstrecken um das bild zu machen. jetz wollte ich mal fragen was du denn für übungen mit ihm gemahct hast. ein freund hat einen pool zum schwimmen für sie. wie lange sollte man den schwimmen gehen mit dem hund ? ich mach mir einfach sehr viele gedanken 🙁 bin dankbar für jede übung die du mir empfehelne könntest . vielen dank nik

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