Die Auszeit und die Angst oder ein Meer von Steinen

Der Countdown läuft – nur noch wenige Tage bis zur ersehnten Auszeit. Drei Monate frei, drei Monate nur für die Rabauken und mich. Nach Marokko wollten wir, ins Warme, die geschundenen Rücken von der Sonne küssen lassen, Pfoten und Füsse noch einmal im Wüstensand.

Bei der Vorbereitung kam ich ins Straucheln. Titertest (die bestehenden hatte ich heldenhaft verfallen lassen, in der Annahme, wir bräuchten sie niemals mehr), Vet Check beim spanischen Tierarzt, die Fähre, die Finanzen, das viel zu kleine Auto, und überhaupt, allein als Frau. Traurig, wie man sich beeinflussen lässt, hatten wir doch mehr als drei Jahre gemeinsam in einem Land mit muslimischer Kultur gelebt und die Zeit sehr genossen. Und Dank Social Media und diverser Gruppen ist man letztendlich nie wirklich isoliert, sollte man sich nach Gesellschaft sehnen.

Der letzte Stein, den ich auf meine eigene Blockade für die ursprüngliche Planung in die Wüste packte, war Ambers Spondylose-Diagnose im letzten Jahr. Erfolgreich erzählte ich mir und anderen, dass nun die Gefahr eines Bandscheibenvorfalls erhöht sei und ich mir für den Fall der Fälle einen Neurologen an die Hand wünsche. Das stimmt, allerdings müsste ich dann streng genommen mit ihr zuhause bleiben, um in vertrauter Umgebung immer zu wissen, an wen wir uns wenden könnten.

Wie auch immer, Marokko wurde mit dicken Strichen von der Liste verbannt. Glücklicherweise war da ja noch das Baltikum. Traumziel im mittlerweile vierten Jahr, idealisiert und vollgepumpt mit Erwartungen wartete es im Regal darauf, nur entstaubt zu werden.

Richtige Begeisterung stellte sich nicht ein. Vorfreude ebenso wenig. Planung? Fehlanzeige! Sobald ich ein wenig davon in Angriff nahm, saßen die Monster auf meiner Schulter: Das schafft dein Auto nicht! Das schaffen die Hunde nicht! Pack eher einen Buggy für Buddy ein. Dann brauchst du aber eine Dachbox. Aber das Geld jetzt investieren, wenn ich mir anschließend einen Bus kaufen will? Die Krone setzte dem ganzen Gedankenkonstrukt ein Post in der Vanlife-Gruppe auf, in dem klar wurde, ich muss den Camperausbau aus und die Rückbank für den nach der Reise anstehenden TÜV wieder im Auto haben. Ich schlief die halbe Nacht nicht, da ich darüber nachdachte, ob ich noch alle Teile zusammen finden würde (natürlich, sie sind im Nebenzimmer fein säuberlich aufgereiht), und wer mir wohl beim Einbau helfen könnte (wahrscheinlich die Werkstatt, die die Rückbank auch ausgebaut hatte). Am liebsten hätte ich den Ausbau noch in der selben Nacht entfernt und die Rückbank wieder eingebaut. Ich war fix und fertig und kurz davor, die Reise einfach abzublasen.

Am nächsten Morgen, mit klarerem Kopf, war mir klar: Eine ganze Menge irrationaler Ängste hatten sich hier eingeschlichen.

Kurz darauf las ich einen weiteren Post:

„Einige Dinge sind sehr kompliziert. Man muss sie zuerst begreifen, damit man die Angst vor ihnen verliert und dann kann man darauf pfeifen. Nach meinem Verständnis kommt die Angst immer dann, wenn wir etwas Wichtiges in unserem Leben übersehen oder nicht ansehen wollen. Die Angst hat daher eine wichtige Nachricht für uns. Diese gilt es zu entschlüsseln. Dann kann die Angst auch wieder gehen. […]“

Praxis Woite, Angela Woite auf Instagram

Ich lief eine Runde mit den Rabauken.

Was wollte die Angst mir zeigen?

„Ich habe zu lange gewartet“ war der erste Gedanke, der mir in den Kopf schoss. Seit ich 2016 von Crosli gelesen hatte, wollte ich genau das: Einen Kastenwagen ausbauen und mit den Rabauken möglichst unbegrenzte gemeinsame Zeit genießen. Ich begann damit, mir ein Wohnmobil zu leihen, baute mein Auto aus anstelle es gegen einen gleichwertigen Bus zu tauschen, fand letztendlich jedoch tausend Gründe, warum wir unseren Wunsch nicht verwirklichen könnten.

Ich hielt mich immer für einen Macher. Alles ist möglich, wenn du nur daran glaubst. Was aber, wenn die Veränderungen so groß sind, dass du Angst davor hast, dass die Wünsche einfach wahr werden könnten? Wenn sie alle deine tief eingeimpften kulturellen Vorstellungen, gesellschaftliche Normen und Werte auf den Prüfstand stellen? Ich hielt mich für mutig. Ich glaubte, das Urteil der anderen machte mir nichts aus. Und verstand: Meine Stimmen im Hinterkopf sind nur das, was ich für ein Urteil der anderen halte. Ein Cocktail aus „geht das, darfst du das, bist du ein braves Mädchen“. Eine Frage dessen, was ich mir selbst erlaube. Denn in Wahrheit, ja in Wahrheit bin ich bisher auf jeglichem Weg, den ich gehen wollte, auch unterstützt worden von meinem Umfeld.

Vielleicht also musste ich es mir unnütz schwer machen. Brauchte diesen Umweg, um zu lernen und zu verstehen. Genauso, wie ich heute das gerne vorgeschobene Alter meiner Rabauken als Druckmittel brauche, mich mit ein paar Fragen auseinander zu setzen:

Warum willst du überhaupt reisen?

Das Thema „Zuhause“ hat mich schon mein Leben lang beschäftigt. Bereits als Vierjährige habe ich den Plastikarztkoffer gepackt und mich mit den Worten „ich ziehe aus“ auf den Weg gemacht. Ich bin in meinem Leben so häufig umgezogen, dass ich es nicht mehr ohne große Anstrengung zählen kann. Und mittlerweile weiss ich: Das hat nichts damit zu tun, dass es mir am jeweiligen Ort nicht gefallen hat. Ein Standardwort beim Anruf meiner Freunde war „laaaaangweilig“. Dann wussten sie, ich will raus. Ich will Neues sehen, erleben, und selbst, wenn ich zuhause bin, muss ich los, die Umgebung entdecken. Das ist das einzige, was mich beruhigt. Ein immer gleicher Tagesablauf macht mich verrückt.

Ich bin mir also gar nicht sicher, ob es wirklich nur das Reisen ist, was mich reizt, oder hauptsächlich die Option, mobil zu sein, raus zu können aus Dreck und Trubel, hinein in Ruhe und Natur.

Warum blockiere ich mir jede Planung, indem ich das Alter der Rabauken vorschiebe?

Momentan gehen wir kaum noch wandern. Eine Weile lief Buddy sehr, sehr schlecht. Bereits seit langer Zeit versauert ein Artikel zu diesem Thema hier in den Vorlagen: Wie gehe ich mit dem Alter der Hunde um? Wie passt deren Alterungsprozess in meine Vorstellung vom Leben mit Hund? Wer ständig mobil ist, seine eigenen Grenzen als Herausforderung sieht, fühlt sich ausgebremst, wenn die Begleitung eine Pause braucht. Einen Ort zum Schlafen. Ruhe. Kürzere Strecken, weniger Eindrücke.

Wer uns schon länger folgt, weiß, dass mir aber genau das Runterkommen, Bremsen, Fokussieren auf weniger, sehr gut getan hat. Mich versorgt hat mit neuer Energie. Mich bewusster wahrnehmen lässt. Ich selbst bin noch im Lernprozess, auf meinen Körper zu hören, ihm eine Pause zu geben, wenn er sie braucht, zu verstehen, dass ohne neue Energie nicht ständig Abenteuer möglich sind.

Obwohl ich bereits so viel darüber nachgedacht habe, wird mir erst jetzt klar, dass die Vorstellung „mehr Zeit mit den Rabauken“ für mich mit Wanderungen, Bewegung und Action verbunden ist, während ich das abendliche Kuscheln auf der Couch und das zufriedene Schnarchen der beiden neben mir trotzdem unglaublich genieße. Dennoch erachte ich es als selbstverständlich, es verkommt zum Rauschen, zur Begleiterscheinung, ist niemals das, was ich auflisten würde, als Highlight unseres Tages. Laaaaangweilig!

Vielleicht muss ich mir das noch bewusster machen, jedes Mal dann, wenn die Angst, nicht genug zu sehen, nicht genug Zeit zu haben, mich weiter hetzen lässt zu einem neuen Erlebnis, anstelle den jetzigen Moment zu genießen und so zu nehmen, wie er ist.

 

Vielleicht muss ich die Rabauken vorschieben, bei der Suche nach einem sicheren Ort um zur Ruhe zu kommen auf der Reise, vielleicht brauche ich noch immer die Fürsorge, die ich ihnen zukommen lassen muss und immer werde, um mich am Ende selbst gut zu behandeln.

Und vielleicht muss ich erst wirklich verstehen, dass wir die Reise nur dann wirklich genießen können werden, wenn ich uns auch Zeit gebe, die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten.

Und dann?

Ein weiteres Hindernis, dass mir eigentlich zur Genüge bekannt sein müsste, ist die Frage nach dem „Danach“. Was passiert, wenn du Freiheit gelebt und genossen hast, herum gefahren bist oder eben auch nicht, du dich nach nichts richten musstest und du dann wieder zurück kehrst in den Alltag. In Stau, Büro, Druck und Stress?

Ganz ehrlich – ich weiss es nicht. Aus der Zeit nach Katar habe ich gelernt, dass es wichtig ist, sich viele Inseln zu schaffen. Dinge, auf die man sich freut, auch „danach“. Freunde, die man dann endlich wieder sieht, Veranstaltungen und Orte, die man besuchen möchte.

Um solche Inseln zu schaffen, verbringen wir letztendlich auch einen Teil der Auszeit hier. Erkunden die Gegend, schauen uns viele tolle Orte an, auf die wir uns dann wieder freuen können. Ganz vielleicht arbeiten wir auch ein wenig an der Wohnung. Nicht, weil es getan werden muss, sondern, weil es uns einen Ort der Ruhe schafft, ein Zuhause, in das wir gerne zurück kehren.

Sollte das dann doch nicht mehr der Fall sein, bin ich mir sicher, wir finden unseren Weg.

Jetzt schauen wir uns aber erst einmal ein paar Orte an, die wir auf der Reise sehen wollen. Große, abenteuerliche, und solche, an denen wir uns vorstellen können, zur Ruhe zu kommen.

Lasst es euch gut gehen.

Kerstin mit Buddy und Amber

5 Kommentare

  • Schätersky

    Gerade habe ich deinen Beitrag gelesen. Dagesessen und nachgedacht. Ihn nochmal gelesen. Ein toller Artikel, der mich da wieder mal zum Nachdenken gebracht hat. Mir geht es häufig ganz ähnlich. Ich möchte raus, reisen, erleben. Und dann habe ich doch wieder Angst. Gedanken, die mit „was wenn…“ beginnen. Schwierigkeiten, die eigentlich zu beheben wären, erscheinen plötzlich als unlösbare Probleme. Bisher habe ich nicht darüber nachgedacht, dass das vielleicht bedeutet, dass ich etwas übersehe. Vielleicht mache ich mir auch zu viel Druck mit Erlebnissen. Bin, wenn ich unterwegs bin, mehr darauf fokussiert, was ich vielleicht verpasst haben könnte, als darauf, was ich tatsächlich sehe.
    Für dieses Jahr habe ich auf jeden Fall fest vorgenommen, alleine außerhalb Deutschlands zu verreisen. Mit altem Hund, mit ängstlichem Hund, natürlich mit Rücksicht auf beide, aber ihnen auch etwas zutrauend. Mit so viel Planung wie nötig und alles andere auf mich zukommen lassend.
    Ich bin mir ganz sicher, dass ihr euren Weg findet, sowohl auf Reisen als auch zu Hause. Auf jeden Fall wünsche ich euch ganz viel Spaß, Abenteuer und Erholung und bin schon gespannt auf eure Berichte! 🙂
    Liebe Grüße!

    • Buddy schreibt

      Gerade vor kurzem habe ich in einem Podcast gehört „die meisten Menschen wollen Abenteuer, aber auch wissen, wie sie ausgehen“ und mich ertappt gefühlt.
      Noch sind die komischen Gefühle nicht weg, die Gedanken eher zusätzlich oben drauf gepackt. Vor allem, weil gefühlt im Stundentakt neue Hindernisse in unseren gedachten Weg fliegen. Dennoch gehen wir es an und ich versuche, es auf mich zukommen zu lassen.
      Für eure Reise bin ich sehr gespannt, ob das für euch auch funktioniert und freue mich auf eure Berichte!
      Liebe Grüße!

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