„Das hier ist mein Traum.“ Ich stehe mit Sona auf der Außentreppe, es herrscht absolute Stille. Wir lauschen dem Rauschen der Baumwipfel im Wind. Obwohl es Dezember ist und eigentlich ungemütlich, ist es hier friedlich. Außer mir läuft noch eine weitere Frau durch die Zimmer der Wohnung, die hier zur Vermietung angeboten wird. Ihre Tasche zeugt von Tierschutz, ihr Gesicht jedoch ist verbittert. Obwohl ihr Termin bereits verstrichen ist, zerrt sie Sona permanent von mir weg, bespricht wichtige Dinge, möchte Raum einnehmen und deutlich machen, dass sie hier leben möchte. 

Bereits auf dem Weg zur Besichtigung hatte ich mir beim Bäcker im Ort einen Kaffee geholt, an der Seite der Zufahrtsstraße Halt gemacht und einfach nur genossen, was für ein wundervolles Fleckchen Erde hier vor mir liegt. Dass es so etwas gibt, dass so etwas vermietet wird, grenzt für mich an ein Wunder. 

Kurz vor Weihnachten erhalten wir die Zusage und es fühlt sich für mich an wie ein Geschenk. Eine Wohnung im Landschaftsschutzgebiet, ein eigener Garten, Gewächshaus und Platz für Hühner, dazu eine Gemeinschaft passender Menschen, die sich die Vermieter vorstellen – ich komme mir vor, wie in meinem eigenen Happy End. 

Bei der Schlüsselübergabe dann der erste Dämpfer: Der Vermieter hat den Hühnerstall an die Mieter der großen Wohnung vergeben, die Vermieterin hatte ihn mir versprochen. Da die anderen Mieter bereits vor mir da waren, möchten sie ihn auch nicht mehr abgeben. Ich bin enttäuscht. Hatte mich auf die Hühner gefreut. Und irgendwie bin ich auch ein kleines bisschen überrascht, dass hier gar kein Kompromiss möglich ist. Im Hinterkopf klopft der Gedanke, dass dann auch die Aufteilung des Grundstücks komisch ist, denn wenn die Nachbarn den Hühnerstall haben, müssten sie immer wieder durch das mir zugeteilte Gartengrundstück zum Stall. Es grummelt ein wenig, aber den Traum möchte ich mir nicht nehmen lassen. 

Der Nachbar, den ich bereits kennengelernt habe, ist ja schließlich super nett und auch wenn er auch er das Ganze komisch findet, bin ich überzeugt davon, dass es eine Lösung geben wird. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich tatsächlich noch, dass hier drei Parteien einziehen, die alle die gleichen Vorstellung und Interessen haben. Machen wirs kurz: Falsch gedacht. 

Schon beim ersten gemeinsamen auf dem Grundstück sein, finde ich es merkwürdig, dass nicht gegrüßt wird, kein Interesse am Kennenlernen besteht. Wie kann man es sich auf der einen Seite so gemütlich machen und auf der anderen Seite neue Nachbarn im gleichen Haus einfach ignorieren. 

Meine Bauchschmerzen werden stärker. Gerade erst bin ich aus meinem Zuhause vertrieben worden, von einem Ort, an dem ich angekommen war, Freundschaften geschlossen habe. Das Gefühl, nicht erwünscht zu sein, klang noch zu laut in meinem Körper, um mich groß zu machen. Gefühlt drückte die Anwesenheit der neuen Nachbarn ein wenig auf meine Freiheit und mit jedem Zaun, den sie erbauten, wurde meine Freude über dieses Paradies ein wenig kleiner. 

Dennoch erkundeten wir die herrliche Umgebung, in der Mittagspause konnte ich es kaum erwarten, Ben das Zuggeschirr und mir die Wanderschuhe anzuziehen. Die ersten Wochen blühte ich gleichzeitig mit dem beginnenden Frühling richtig auf, ich pflanzte Salat, Tomaten, Gurken und Karotten im Gewächshaus, lernte die Umgebung kennen und fühlte mich richtig wohl. Mit den Nachbarn kam ich ins Gespräch, siehe da, wir verstanden uns doch ganz gut, tauschten Buch- und Hundetipps aus, trafen uns im Garten, fuhren zusammen einkaufen. Ich war erleichtert und unglaublich happy.

Bis ich auf einmal feststellte, dass ich keine Nachrichten mehr erhielt. Meine Katze, die oben einen ungewollten Besuch abstattete, wurde in der WhatsApp-Gruppe mit dem Vermieter geteilt, was mich zwar wunderte, aber selbst da verstand ich noch nicht, dass ich plötzlich zum Problem geworden war. Erst nach mehrmaligem Nachfragen meinerseits prasselte ein Sturm von Beschwerden auf mich ein. Wieder wurden meine Bauchschmerzen stärker und mein Paradies ein wenig kleiner. 

Ich hatte mich so sehr danach gesehnt, Buddy einen Altersruhesitz zu geben, in dem er die Nase in den Wind stecken konnte, während ich mit Kaffee und Buch auf meiner Terrasse saß. Stattdessen passte ich Zeiten ab, in denen die Nachbarn nicht auf dem Grundstück waren, um in mein Gewächshaus zu gehen, Rasen zu mähen oder Gemüse zu ernten. Den Garten und die wunderschöne Terrasse nutzte ich nicht mehr.

Wenige Tage nach Buddys Tod hagelte es die nächsten Beschwerden. Persönliche Gespräche waren nicht möglich, stattdessen wurde munter über WhatsApp beleidigt und eskaliert. Mein Paradies war zu einem winzigen Platz in meinem Herzen geschrumpft, jedes Geräusch von oben fühlte sich an, als würde auf mir herumgetrampelt. Ich war nicht in der Lage, mich zu wehren, zu rau, kaputt und voller Schmerz. Ich kündigte die Wohnung noch ohne Plan und Idee, wie es weiter gehen sollte. Flüchtete in mein Auto, fuhr herum, davon, blieb weg so lange und häufig ich nur konnte. Kehrte ich auf das Grundstück zurück, wurde ich geschüttelt von Panik und Angst. Mein Paradies war zu meiner persönlichen Hölle geworden.

Mein großes Glück? Der nette Nachbar. Er hielt zu mir, unterstützte mich, half mir beim Packen, Ausräumen, Umräumen und dem gesamten Umzug. Ohne ihn weiß ich bis heute nicht, wie ich das geschafft hätte. 

Glücklicherweise habe ich recht schnell eine schöne neue Bleibe gefunden. Ein Zufluchtsort, in dem wir willkommen geheißen wurden, bleiben durften von Anfang an. 

Trotzdem kostete mich der Umzug unglaubliche Kraft. Trotzdem ist mein Körper hängen geblieben in Angst. Und auch wenn wir hier tolle Möglichkeiten haben, näher an Freunden und Familien sind, fühlt es sich auch nach einigen Monaten noch nicht wie ein Zuhause an. Meine Begeisterung, zu entdecken und zu erkunden, ist komplett verlorengegangen. 

Obwohl das Paradies nur noch eine winzige kleine Murmel in meinem Herzen ist, vermisse ich diesen Ort und das Gefühl, welches ich mit ihm hatte, unglaublich. 

Obwohl mich die jetzige Wohnung kreativer macht, mir Raum gibt, moderner ist, mich näher an das bringt, was mir wichtig ist, fühlt sie sich immer an, als bürste mir jemand gegen den Strich, während mein kleines Paradies mich immer beruhigt und besänftigt hat. 

Mit jedem Mal, mit dem ich dies ausspreche oder schreibe, fühle ich mich wie ein Verräter. Wie jemand, der sich auf eine neue Beziehung einlässt und nicht dafür bereit ist. 

Zurück geht es eben aber auch nicht mehr. 

Zuerst habe ich verzweifelt versucht, mir in der neuen Wohnung ein Zuhause zu schaffen. Schön sieht es aus, wie ein Zuhause fühlt es sich dennoch nicht an. Vielleicht ist die einzige Möglichkeit, das wirklich wie eine Beziehung zu behandeln. Zu trauern, sich zurückzuziehen und langsam beginnen, sich wieder ein neues Leben zu bauen. Die schönen Momente in Erinnerung zu behalten. 

Wir haben getanzt / nur einen Sommer lang / Komma / Dann kam die Wende / uns’re Musik war zu Ende

(Fettes Brot / Raptus Melancholicus)

Motivierende Worte oder eine Erkenntnis habe ich dieses Mal nicht. Stattdessen wünsche ich euch, dass ihr euch sicher und zuhause fühlt, wo auch immer ihr gerade seid. 

Lasst es euch gut gehen, 

Kerstin mit Amber, Ben und Indy

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